Talks:Clay Shirky:Wie der kognitive Überfluss die Welt verändern wird: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 18. Juli 2011, 13:15 Uhr


Die Geschichte beginnt in Kenia im Dezember 2007 mit einer umstrittenen Präsidentschaftswahl. Als unmittelbare Folge dieser Wahl kam es zu Ausbrüchen ethnischer Gewalt. Und es gab eine Anwältin in Nairobi, Ory Okolloh – manche von Ihnen werden Sie von ihrem TEDTalk kennen – die darüber auf ihrem Blog "Kenyan Pundit" zu schreiben begann. Und kurz nach der Wahl und den Gewaltausbrüchen verhängte die Regierung plötzlich eine umfassende Mediensperre. Und so wurden Weblogs, früher nur Kommentatoren der Medienlandschaft, zu einem kritischen Bestandteil dieser Medienlandschaft, indem sie aufzeigten, wo die Gewalt ausbrach. Und Okolloh holte sich von Ihren Kommentatoren mehr Informationen darüber, was vor sich ging. Und die Kommentare strömten herein. Und Okolloh sammelte sie. Und sie veröffentlichte sie. Und bald sagte sie: "Es ist zu viel. Ich könnte das ohne Unterbrechung tun, und käme trotzdem nicht mit. Es gibt mehr Informationen darüber, was in Kenia gerade passiert, als eine einzelne Person verwalten kann. Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, das zu automatisieren."


Und zwei Programmierer, die ihren Blog lasen, zeigten auf und sagten: "Wir könnten das erledigen." Und innerhalb von 72 Stunden starteten sie Ushahidi. Ushahidi – der Name bedeutet "Zeuge" oder "Zeugenaussage" in Suaheli – ist ein einfaches Mittel, um Nachrichten vor Ort, die über das Web oder, noch viel wichtiger, von Mobiltelefonen und per SMS eintreffen, zu sammeln und auf einer Landkarte darzustellen. Mehr kann es nicht, aber das reicht schon. Denn es nimmt das stille Wissen der gesamten Bevölkerung – jeder weiß, wo Gewalt ausbricht, aber keine einzelne Person weiß, was alle anderen wissen – es nimmt dieses stille Wissen und sammelt es, stellt es auf einer Landkarte dar und macht es öffentlich zugänglich. Und das, dieser Vorgang namens "crisis mapping" fand seinen Anfang in Kenia im Januar 2008.


Und so viele Leute schauten es sich an und fanden es nützlich, dass die Programmierer von Ushahidi sich dazu entschlossen, daraus Open Source und eine Plattform zu machen. Seither wurde es in Mexiko eingesetzt, um Wahlbetrug zu erfassen. Es wurde in Washington D.C. eingesetzt, um Schneeräumungen zu erfassen. Und es wurde bekannt durch den Einsatz in Haiti in Folge des Erdbebens. Und wenn Sie auf die Landkarte auf der Startseite von Ushahidi schauen, werden Sie sehen, dass Ushahidi in aller Welt eingesetzt wird. Aus einer einzigen Idee und einer einzigen Implementierung in Ostafrika Anfang 2008 zum weltweiten Einsatz in weniger als drei Jahren.


Was Okolloh machte, wäre nicht möglich gewesen ohne digitale Technologien. Was Okolloh machte, wäre nicht möglich gewesen ohne menschliche Großzügigkeit. Und spannend dabei ist, wie oft heutzutage die Lösung von sozialen Herausforderungen auf beiden dieser Gegebenheiten beruht. Das ist die Ressource, von der ich spreche. Ich nenne sie kognitiven Überfluss. Und sie repräsentiert die Fähigkeit der Weltbevölkerung, freiwillig zusammenzuarbeiten, an großen, manchmal sogar globalen Projekten. Kognitiver Überfluss besteht aus zwei Dingen. Erstens ist da die Freizeit und die Begabung der Weltbevölkerung. Die Welt hat mehr als eine Billionen Stunden pro Jahr an Freizeit, die für gemeinsame Projekte zur Verfügung stehen. Diese Freizeit gab es auch schon im 20. Jahrhundert, aber es gab kein Ushahidi im 20. Jahrhundert.


Das ist die zweite Hälfte des kognitiven Überflusses. Die Medienlandschaft des 20. Jahrhunderts war sehr gut dabei, den Menschen beim Konsumieren zu helfen. Und in der Folge wurden wir sehr gut beim Konsumieren. Aber jetzt, seitdem wir Medienwerkzeuge haben – das Internet, Mobiltelefone – die uns mehr tun lassen als nur konsumieren, sehen wir, dass die Leute keine Couch-Potatoes waren, weil wir das so gerne waren. Wir waren Couch-Potatoes, weil wir keine andere Wahl hatten. Wir konsumieren natürlich immer noch gerne. Aber wir erstellen scheinbar auch gerne Dinge und teilen sie gerne mit anderen. Und diese zwei Dinge gemeinsam – uralte menschliche Motivation und moderne Werkzeuge, um diese Motivation in groß angelegten Projekten zusammenzuführen – das ist die neue gestalterische Ressource. Und durch den kognitiven Überfluss sehen wir wahrlich unglaubliche Experimente, wissenschaftliche, literarische, künstlerische, politische Anstrengungen, Entwürfe.


Wir sehen auch jede Menge LOLcats. LOLcats sind niedliche Bilder von Katzen, die durch Bildunterschriften noch niedlicher werden. Und sie sind ebenfalls Teil der üppigen Medienlandschaft von heute. Das ist eines der partizipatorischen – eines der partizipatorischen Modelle, die neben Ushahidi entstehen. Nun möchte ich behaupten, dass LOLcats die albernsten kreativen Werke sind. Es gibt natürlich auch andere Kandidaten, aber LOLcats sollen für unseren Zweck reichen. Aber hier ist der Punkt. Der albernste kreative Akt ist immer noch ein kreativer Akt. Jemand, der so etwas gemacht hat, sei es noch so mittelmäßig und zum Wegwerfen, hat etwas probiert, hat etwas an die Öffentlichkeit gebracht. Und wenn sie es einmal gemacht haben, können sie es wieder machen. Und sie können versuchen, es besser zu machen.


Es gibt einen fließenden Übergang zwischen mittelmäßigen und guten Arbeiten. Und wie jeder Künstler oder Kunstschaffende weiß, versucht man ständig, sich in diesem Spektrum nach oben zu bewegen. Die wahre Kluft ist zwischen irgendetwas tun und nichts tun. Und jemand, der LOLcats macht, hat diese Kluft bereits hinter sich gelassen. Es wäre nun verlockend, die Ushahidis ohne die LOLcats zu wollen, die ernsten Dinge ohne den ganzen Müll. Aber medialer Überfluss funktioniert so nicht. Die Freiheit, zu experimentieren bedeutet, mit allem zu experimentieren. Sogar mit der geheiligten Druckerpresse – wir hatten erotische Romane 150 Jahre vor den ersten wissenschaftlichen Journalen.


Bevor ich also über den kritischen Unterschied zwischen LOLcats und Ushahidi spreche, möchte ich über ihre gemeinsame Quelle sprechen. Und das ist Gestaltung hin zur Großzügigkeit. Es ist eine der Kuriositäten unseres Zeitalters, dass, während der kognitive Überfluss eine Ressource wird, die wir einsetzen können, die Sozialwissenschaften zu erklären beginnen, wie wichtig unsere intrinsische Motivation ist, wie oft wir Dinge tun, weil wir es wollen, anstatt, weil unser Boss es uns befohlen hat, oder weil wir dafür bezahlt werden.


Das ist ein Diagramm aus einer Arbeit von Uri Gneezy und Aldo Rustichini, die zu Beginn dieses Jahrzehnts ihre "Abschreckungstheorie" testen wollten, eine einfache Theorie menschlichen Verhaltens. Wenn du möchtest, dass Leute etwas seltener tun, bestrafe sie dafür, und sie werden es seltener tun. Einfach, unkompliziert, einleuchtend und großteils ungetestet. Also untersuchten sie 10 Kindertagesstätten in Haifa, Israel. Und sie untersuchten diese Tagesstätten zum Zeitpunkt der größten Anspannung, nämlich zur Abholzeit. Zur Abholzeit wünschen sich die Betreuer, die den ganzen Tag mit deinen Kindern verbracht hatten, dass du zur vereinbarten Zeit da bist, um deine Kinder wieder abzuholen. Die Eltern hingegen – vielleicht ein wenig gestresst, verspätet, beschäftigt – möchten die Kinder lieber ein wenig später abholen.


Gneezy und Rustichini fragten sich daher: "Wie oft kommen Eltern zu spät in diesen 10 Tagesstätten?" Sie sahen – und das zeigt dieses Diagramm, hier die Wochen und hier die Anzahl an Verspätungen – dass es durchschnittlich zwischen 6 und 10 Verspätungen gab in diesen 10 Tagesstätten. Sie teilten die Tagesstätten daher in zwei Gruppen. Die weiße Gruppe dort ist die Kontrollgruppe; dort änderte sich nichts. Aber die Einrichtungen, die von dieser schwarzen Linie dargestellt werden, sagten: "Wir ändern diese Abmachung ab sofort. Wenn du dein Kind mehr als 10 Minuten zu spät abholst, schlagen wir eine Strafe von 10 Schekel auf deine Rechnung auf. Bumm. Ohne wenn und aber."


Und ab diesem Moment änderte sich das Verhalten in diesen Tagesstätten. Die Verspätungen nahmen zu, jede Woche, für die nächsten vier Wochen, und verdreifachten sich, verglichen mit der Zeit vor der Strafzahlung, und dann schwankten sie zwischen dem doppelten und dreifachen Wert, solange die Strafe eingehoben wurde. Und Sie sehen auf den ersten Blick, was passiert war. Die Strafe hat die Kultur in der Tagesstätte zerstört. Durch die Einführung der Strafe kommunizierten sie den Eltern, dass deren gesamte Schuld gegenüber den Betreuern beglichen war mit der Zahlung von 10 Schekel, und dass die Eltern den Lehrern gegenüber keine schlechtes Gewissen mehr zu haben brauchten. Und daher sagten die Eltern: "10 Schekel, um mein Kind später abzuholen? Was kann daran schlecht sein?" (Gelächter)


Die Erklärung menschlichen Verhaltens, die wir im 20. Jahrhundert hatten, war die der rationalen Nutzenmaximierung. Und mit dieser Erklärung – die Tagesstätte hatte keinen Vertrag – hätten die Eltern ohne Einschränkung handeln können. Aber das stimmt nicht. Sie handelten aufgrund sozialer Einschränkungen anstatt vertraglicher Einschränkungen. Und diese sozialen Einschränkungen schafften eine großzügigere Kultur als die vertraglichen Einschränkungen. Gneezy und Rustichini lassen das Experiment also für ein paar Wochen laufen – lassen die Strafen ein paar Wochen lang zahlen – und dann sagen sie: "Okay, wunderbar, das war's." Und dann passiert das wirklich Interessante. Nichts ändert sich. Die Kultur, die mit der Strafzahlung zerstört wurde, blieb zerstört, auch nach Aufhebung der Strafzahlung. Nicht nur, dass ökonomische Motivation und intrinsische Motivation inkompatibel sind, diese Inkompatibilität kann über einen langen Zeitraum bestehen bleiben. Der Trick bei der Gestaltung derartiger Situationen ist daher zu verstehen, wann du dich auf den ökonomischen Teil der Abmachung verlässt – die Eltern zahlen die Betreuer – und wann du dich auf den sozialen Teil verlässt, wann du auf die Großzügigkeit vertraust.


Das bringt mich zurück zu den LOLcats und zu Ushahidi. Das ist der Bereich, auf den es ankommt. Beide basieren auf kognitivem Überfluss. Beide vertrauen darauf, dass Menschen gerne Dinge erschaffen und dass wir gerne teilen. Doch hier ist der entscheidende Unterschied: LOLcats haben gemeinschaftlichen Wert. Sie werden von den Mitgliedern der Gemeinschaft für einander geschaffen. Gemeinschaftlichen Wert im Netz gibt es überall. Jedes Mal, wenn Sie eine große Ansammlung von geteilten, öffentlich zugänglichen Daten sehen, seien es Fotos auf Flickr oder Videos auf Youtube oder was auch immer. Das ist gut so. Ich mag LOLcats so wie jeder andere, vielleicht sogar ein wenig mehr. Aber das ist ein Problem, das großteils gelöst ist. Ich kann mir schwer vorstellen, dass jemand in Zukunft einmal sagt: "Wo, ach wo finde ich bloß ein Bild einer niedlichen Katze?"


Ushahidi, im Gegensatz dazu, hat gesellschaftlichen Wert. Der von den Teilnehmern geschaffene Wert kommt der gesamten Gesellschaft zugute. Das Ziel von Ushahidi ist es, nicht nur das Leben der Teilnehmer zu verbessern, sondern das Leben von jedem in der Gesellschaft, in der Ushahidi betrieben wird. Und diese Art gesellschaftlichen Werts ist nicht nur ein Nebeneffekt der Öffnung menschlicher Motivation. In Wahrheit ist es ein Nebeneffekt davon, was wir gemeinsam aus diesen Anstrengungen machen. Es stehen eine Billion Stunden pro Jahr für die kollektive Wertschöpfung zur Verfügung. Jahrein und jahraus. Die Zahl der Menschen, die bei solchen Projekten mitmachen können, wird steigen. Und wir sehen, dass Organisationen, die auf eine Kultur der Großzügigkeit aufbauen, Unglaubliches erreichen können ohne den ganzen vertraglichen Überbau. Ein Modell, das sich gänzlich unterscheidet von unserem Standardmodell für Großgruppenverhalten im 20. Jahrhundert.


Was hier den Unterschied machen wird ist, was Dean Kamen sagte, der Erfinder und Unternehmer. Kamen sagte: "Freie Kulturen bekommen das, was sie zelebrieren." Wir stehen vor einer Wahl. Wir haben diese Billion Stunden pro Jahr. Wir können uns damit gegenseitig unterhalten, und das werden wir auch tun. Das kostet uns nichts. Aber wir können auch die Leute unterstützen und belohnen, die mit ihrem kognitiven Überfluss gesellschaftlichen Wert schaffen. Und in dem Ausmaß, in dem wir das tun werden und tun können, werden wir die Gesellschaft verändern.


Vielen Dank.


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