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1. Angststörungen
-> Sind die häufigsten psychischen Störungen im Erwachsenenalter (15-17%).
Neben der Angst sind Betroffene vor allem durch starke körperliche Symptome beeinträchtigt, wo-durch es zu einer Verzerrung der Informationsverarbeitung in Bezug auf die gefürchteten Situationen kommt.
Bestimmungsmerkmale der extremen, chronischen und irrationalen Angst
1.) Es treten Gefühlszustände auf, die von den Betroffenen selbst als Angst bezeichnet werden. Sie gehen mit typischen Veränderungen einher:
- im autonom-nervösen System
- In den kognitiven Prozessen
- Im grobmotorischen Verhalten (Vermeidung/Flucht)
- Im Ausdrucksverhalten
2.) Gefühlsreaktionen laufen wie automatisch ab, sodass der Betroffene nach ihrem Einsetzen in der Regel keine Kontrolle mehr über sie hat.
3.) Die „auslösende“ Gefahr steht in keinem rational begründbaren Verhältnis zum Ausmaß der Angstreaktionen.
4.) Die Angstproblematik ist die dominierende Störung.
5.) Primär organische Ursachen der Störung sind nicht auffindbar.
1.1. Ätiologie von Stress und Angstreaktionen

Nach diesem Modell werden Angststörungen durch aktuelle und chronische Belastungen (= Stress) ausgelöst und treffen auf die individuell unterschiedliche Veranlagung einer Person (= Diathese, Prä-disposition, Vulnerabilität). Die zeitliche Interaktion zwischen den prädisponierenden, den auslösen-den und den aufrechterhaltenden Faktoren ist schließlich für das Auftreten einer Störung verant-wortlich.
Das transaktionale Stressmodell (Lazarus) geht besonders auf die verschiedenen Bewältigungsstufen bei der Auseinandersetzung mit Stress ein. Dabei können sowohl schwerwiegende Lebensereignisse (life events) aber auch die Kumulation alltäglicher, irritierender Vorkommnisse (daily hassels) be-trachtet werden. Je nach Prädisposition der betreffenden Person handelt es sich dabei eher um emo-tionsbezogene oder um problembezogene Bewältigungsstrategien, die in Form von 4 Bewältigungs-arten erfolgen können:
1.) Informationssuche
2.) direktes Handeln
3.) Unterlassen von Handlungen
4.) Intrapsychisches Bewältigen
TOTE-Modell (Miller, Galanter und Pribram) -> zunächst prüft die Person, ob Handlungsbedarf be-steht (Test) und Inkongruenz zwischen der aktuellen Situation und dem Zielzustand vorhanden ist. Danach kommt es zu einer Handlung (Operate), die diese Inkongruenz zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand beheben soll. In einer anschließenden Phase prüft die Person, ob die Handlung den Zielzu-stand erreicht hat. Ist dies der Fall, kann die Handlung abgeschlossen werden (Exit). Wenn „exit“ durch Neubewertung nicht erreicht werden kann, kommt es zu einer Endlosschleife und somit zur Aufrechterhaltung der Stress-Situation.
Im ICD-10 sind die Angststörungen im Kapitel „F4 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Stö-rungen“ enthalten.
ICD-10 F4 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F40 -Phobische Stö-rungen F41 - Sonstige Angst-störungen F42 - Zwangsstörun-gen F43 - Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstö-rungen
Agoraphobie (ohne Panikstörung; mit Pa-nikstörung) Panikstörung Zwangsgedanken Akute Belastungsreak-tion
Soziale Phobien Generalisierte Angst-störung Zwangshandlungen Posttraumatische Be-lastungsstörung
Spezifische isolierte Phobien Angst und depressive Störung, gemischt Zwangsgedanken und –handlungen gemischt Anpassungsstörung
Sonstige phobische Störungen Sonstige gemischte Angststörung Sonstige Zwangsstö-rungen Sonstige Reaktion auf schwere Belastung
Nicht näher bezeichne-te phobische Störun-gen Sonstige näher be-zeichnete Angststö-rung Nicht näher bezeichne-te Zwangsstörungen Nicht näher bezeichne-te Reaktion auf schwe-re Belastung
Nicht näher bezeichne-te Angststörung
1.2. Phobien
-> sind übermäßige Ängste vor bestimmten Gegenständen, Situationen oder Tätigkeiten. Kennzei-chen ist das unmittelbare Auftreten der Angst in Zusammenhang mit dem gefürchteten Objekt. Pho-bien haben bestimmte Themen zum Inhalt, die es für die Betroffenen zu vermeiden gilt.
Diagnosekriterien des DSM-IV beschreiben die Angst bei einer Phobie als intensiver und anhaltender als dies bei normalen Furchtsituationen der Fall ist. Der Wunsch, die Situation oder das Objekt zu vermeiden ist zwingend. Betroffene sind in ihrer persönlichen, sozialen oder beruflichen Rollenerfül-lung beeinträchtigt.
USA -> 10-11% der Erwachsenen leiden unter einer Phobie.
Lebenszeitprävalenz: zwischen 7 und 14%; Frauen im Durchschnitt doppelt so häufig betroffen wie Männer.
1.2.1. Agoraphobie ohne Panikstörung
-> Angst vor öffentlichen Räumen bzw. vor bestimmten Situationen, in denen es der Person schwer fällt diese zu verlassen. Es sind Ängste im Vordergrund, die das Alleinsein oder den Aufenthalt in gro-ßen Menschenansammlungen betreffen. Tritt häufig gemeinsam mit der Angst vor einer Panikattac-ke oder panikähnlichen Symptomen auf. Ein-Jahres-Prävalenz: 2,8%
1.2.2. Soziale Phobie
Betroffene leiden unter einer schweren, anhaltenden und irrationalen Furcht vor sozialen und lei-stungsbezogenen Situationen. Die Ängste können sehr spezifisch ausgeprägt sein, z.B. Angst, öffent-lich zu sprechen oder in der Öffentlichkeit zu essen. Es kann sich aber auch um eine allgemeinere Angst vor sozialen Situationen handeln. Ein-Jahres-Prävalenz: 8%
1.2.3. Spezifische Phobien
-> eine anhaltende Angst vor einem umschriebenen Objekt oder einer Situation. Diese Gruppe stellt eine sehr heterogene Gruppe dar, die in folgende Subtypen eingeteilt werden kann:
- Tierphobien (z.B. Spinnenphobie)
- Naturphobien (z.B. Gewitterphobie)
- Blut-Injektions-Unfallphobien
- Situations-Phobien (z.B. Aerophobie)
- Andere spezifische Phobien
9% der erwachsenen Bevölkerung leiden an einer spezifischen Phobie. Lebenszeitprävalenz: 11%
1.3. Generalisierte Angststörung
Hauptmerkmal ist die frei flottierende Angst. Betroffene leiden unter ständiger Angst und machen sich wegen zahlreicher Ereignisse oder Aktivitäten übermäßige Sorgen. Die Intensität des Angsterle-bens ist dabei Schwankungen unterworfen, erreicht jedoch die Intensität einer Panikattacke nicht.
3,8% der Bevölkerung entwickeln Symptome einer generalisierten Angststörung. Beginn liegt meist in der Kindheit oder Adoleszenz; Frauen sind mind. doppelt so häufig betroffen.
Nach den DSM-IV Diagnosekriterien müssen Symptome wie Ruhelosigkeit, Nervosität, Gereiztheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Muskelverspannungen oder Schlafstörungen mind. 6 Monate andau-ern.
1.4. Erklärungsmodelle für Phobien und Generalisierte Angststörung
Psychodynamische Erklärungen gehen davon aus, dass Menschen Impulse verspüren, die für sie nicht akzeptabel sind, und die dabei auftretenden Ängste mit den Abwehrmechanismen der Ver-drängung und Verschiebung bekämpfen.
In der humanistischen Denkrichtung wiederum wird von einer Abwehrhaltung gegen sich selbst ge-sprochen, die es dem Betroffenen unmöglich macht, seine eigenen Gedanken und Gefühle anzu-nehmen, weshalb massive Ängste entwickelt werden.
1.4.1. Kognitiv-lerntheoretische Ansätze
Menschen lernen über Konditionierungsprozesse bestimmte Objekte oder Situationen zu fürchten und dann zu vermeiden. Durch Lernprozesse werden Ängste generalisiert. Angstreaktionen können aufgrund der klassischen Konditionierung oder auch durch Modelllernen erworben werden. Die kognitiven Erklärungsansätze gehen dahin, dass fehlangepasste Annahmen zu Angststörungen führen können. Irrationale Überzeugungen und Erwartungen werden zu Interpretation von Ereignissen he-rangezogen und führen zu unangemessenen emotionalen Reaktionen.
1.4.2. Biologische Ansätze
-> Anwendung hauptsächlich bei der generalisierten Angststörung. Vegetative Dysfunktionen und biochemische Funktionsstörungen des Gehirns
1950er: Benzodiazepine
1970er: durch bildgebende Verfahren Bestätigung, dass Neuronen an einzelnen Stellen des Gehirns sensibel auf diese Substanz reagieren (Schlüssel- Schloss- Prinzip)
Hohe Konzentration solcher Neuronen befinden sich im limbischen System und Hypothalamus= Steuerungsebenen für emotionale Prozesse
Diese Rezeptoren reagieren auch auf GABA (d.h. zu geringe Produktion des Neurotransmitters GABA oder zu wenige GABA- Rezeptoren)
Normale Angstreaktion: Neuronen feuern schneller → Übererregbarkeit → Schweißabsonderung, erhöhte Atem- und Pulsfrequenz → subjektives Angsterleben → Rückkoppelungssysteme senken das Niveau der Erregbarkeit und GABA- Neuronen schütten Transmittersubstanzen aus→ binden sich an Empfängerneuronen → Neuronen feuern nicht mehr → Angst lässt nach
1.5. Panikstörung
Panikattacken treten plötzlich, unerwartet und ohne ersichtlichen Auslöser auf und erreichen inner-halb von ca. 10 Minuten ihren Höhepunkt. Sie verlaufen periodisch und sind deutlich abgrenzbar.
Entstehung einer Panikattacke:
- Stresssituation
- Primäre Beurteilung der Stresssituation
- Einschätzung der Bewältigungsmechanismen
- Aktivation: subjektive Angst, physiologische Reaktion
- Feedback physiologischer Symptome und Beurteilung der Angst
- Verstärkte Angst
- Somatische Fehlfunktionen
- Feedback und Beurteilung der somatischen Reaktion
- Fortlaufender Kreisprozess
Menschen, die zu einer Panikstörung neigen, reagieren auf körperliche Empfindungen besonders sensibel und deuten alles als Katastrophe. Häufige Symptome:
- Palpitationen (Herzklopfen)
- Hyperventilation (unausgewogener Rhythmus beim Ein- und Ausatmen)
- Kribbeln in den Händen
- Schwitzen
- Hitzewallungen und Kälteschauer
- Zittern
- Erstickungsgefühle
- Schwindel und Benommenheit
- Gefühl der Unwirklichkeit
- Angst, die Kontrolle zu verlieren, verrückt zu werden oder sterben zu müssen
Laut DSM-IV kann die Diagnose Panikstörung dann gestellt werden, wenn nach dem erstmaligen Auf-treten einer Panikattacke länger als ein Monat die Angst vor einer erneuten Attacke besteht und die betreffende Person dadurch in ihrem Verhalten deutlich beeinträchtigt ist. Die Störung entwickelt sich meist zwischen der späten Adoleszenz und dem vierten Lebensjahrzehnt. Ein-Jahres-Prävalenz: 2,3% der erwachsenen Bevölkerung.
1.6. Erklärungsmodelle der Panikstörung
1.6.1. Biologische Ansätze
Die Beobachtung, dass bei Menschen mit Panikstörungen nicht Benzodiazepine, sondern vielmehr Antidepressiva eine symptomlindernde Wirkung zeigten (1960er Jahre), führten zur Annahme, dass bei der Generalisierten Angststörung und der Panikstörung unterschiedliche biologische und bio-chemische Prozesse eine Rolle spielen.
Im Locus soeruleus, welcher im Gehirnstamm lokalisiert ist, befinden sich zahlreiche Neuronen, die NA (Noradrenalin) ausschütten. Vom Gehirnstamm werden Informationen an die Amygdala gesen-det, die Teil des limbischen Systems und an der Entstehung emotionaler Reaktionen maßgeblich be-teiligt ist. Wie bei der Generalisierten Angststörung, liegt auch bei der Panikstörung die Vermutung nahe, dass Neurotransmitter eine wichtige Rolle spielen.
1.6.2. Psychologische Ansätze
-> psychophysiologisches Modell nach Ehlers und Margraf:
Auf Auslöser unterschiedlicher Art folgen physiologische und psychologische Veränderungen. Sobald die betreffende Person diese Merkmale wahrnimmt und mit unmittelbarer massiver Gefahr und Be-drohung assoziiert, erfolgt eine Angstreaktion. Diese Angst löst weitere kognitive und körperliche Veränderungen aus, welche wieder von der Person mit der Gefahr in Zusammenhang gebracht wer-den können. Es kommt zu einer Symptomeskalation und Angststeigerung. Die Wechselwirkung zwi-schen Wahrnehmung, Assoziation mit Gefahr und Angstreaktion führt zu einem Aufschauekelungs-prozess und gipfelt schließlich in einem Panikanfall (-> Psychophysiologischer Teufelskreis).
1.7. Zwangsstörungen
Sie sind gekennzeichnet durch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen, die von den betroffe-nen Personen als persönlichkeitsfremde (ich-dyston), aufgezwungene und willentlich nicht kontrol-lierbare Stereotypien erlebt werden.
Zwangsgedanken (oder Zwangsvorstellungen): Ideen, Impulse oder Bilder, die das Bewusstsein einer Person beherrschen und angstauslösend bzw. angstverstärkend wirken.
Zwangshandlungen: Repetitive, ritualisierte und rigide Verhaltensmuster, zu deren Ausführung sich die betreffende Person gezwungen fühlt. Wird das Zwangsverhalten unterlassen oder gar verhindert, kommt es zu massiven, fast panikartigen Angstzuständen. Durch die ritualisierte Handlung selbst kann die Angst vermieden und eine Spannungsreduktion herbeigeführt werden.
Zwangsstörungen werden als Angststörungen klassifiziert, weil die Zwangsgedanken intensive Angst bei dem Betroffenen auslösen, während die Zwangshandlungen Angst vorübergehend verhindern oder verringern.
Nach DSM-IV wird die Diagnose dann gestellt, wenn die Zwangsgedanken oder –handlungen über-trieben, unvernünftig, störend und unangemessen wirken. Weiters sind ein nahezu unmögliches Un-terdrücken der Gedanken und Handlungen, die Verursachung eines erheblichen Leidensdrucks und die Beeinträchtigung in der täglichen Rollenerfüllung, Diagnosekriterien. Jahresprävalenz beträgt 2%; Frauen und Männer gleich häufig betroffen; Beginn häufig in der Kindheit oder Adoleszenz.
1.8. Erklärungsmodelle für Zwangsstörungen
1.8.1. Psychodynamische Ansätze
Freud ist davon ausgegangen, dass es im Verlauf der psychosexuellen Entwicklung (anale Phase) zu einer Auseinandersetzung zwischen dem kindlichen psychosexuellen Lustempfinden und der elterli-chen Sauberkeitserziehung kommt. Aus diesem Konflikt entwickelt sich beim Kind ein aggressiver Es-Impuls, welcher den Zwangsstörungen zugrunde liegt. Eine Zwangsstörung entsteht dann, wenn ver-sucht wird, die Angst vor den eigenen Es-Impulsen durch Abwehrmechanismen zu verringern. Die Abwehrmechanismen der Isolierung, des Ungeschehenmachens und der Reaktionsbildung spielen dabei eine besonders wichtige Rolle.
In der Ich-Psychologie werden die aggressiven Impulse nicht mit der Sauberkeitserziehung der Eltern in Zusammenhang gebracht, sondern vielmehr mit einem unbefriedigten Bedürfnis nach Ausdruck des Selbst und mit Versuchen, Gefühle wie Unsicherheit und Verwundbarkeit zu überwinden.
1.8.2. Kognitiv-lerntheoretische Ansätze
Diese gehen davon aus, dass jeder Mensch unerwünschte, unangenehme und störende Gedanken hat, die sich auch wiederholen können. Personen, die eine Zwangsstörung haben, gehen davon aus, dass sie für diese Gedanken bestraft werden sollten, und diese unangenehmen Vorstellungen auch schädliche Folgen nach sich ziehen. Das Vorhandensein dieser Gedanken wird für diese Personen so belastend, dass sie versuchen, durch ein neutralisieren (z.B.: bewusst positive Vorstellungen statt der negativen zu haben, womit unbehagliche, angstauslösende Gedanken verringert werden)die Vorstel-lungen zu beseitigen bzw. in der Zukunft zu vermeiden. Der Neutralisierungsgedanke wird bei wie-derholter Anwendung schließlich zum Zwang.
Menschen, die zu einer Zwangsstörung neigen:
- Sind depressiver als andere (depressive Stimmung)
- Haben hohe moralische Ansprüche an sich selbst (strenger Verhaltenscodex)
- Fühlen sich für ihre Gedanken verantwortlich (dysfunktionale Überzeugungen von Verant-wortlichkeit und Schaden)
- Glauben, dass sie anderen und sich selbst Schaden zufügen
- Haben das unbedingte Verlangen, diese unangenehmen Vorstellungen kontrollieren zu kön-nen
- Befürchten, dass sie einen Kontrollverlust erleiden könnten und damit völlig verrückt werden würden (dysfunktionale Überzeugungen von Gedankenkontrolle)
1.8.3. Biologische Ansätze
Es konnte eine auffällig niedrige Aktivität des Neurotransmitters Serotonin festgestellt werden. Au-ßerdem wurden Funktionsstörungen in der Orbitralregion des Frontalllappens und in den Basalgan-glien (Nucleus caudatus) ermittelt, die in Zusammenhang mit Zwangsstörungen gesehen werden.
1.9. Interventionen bei Angststörungen
Psychodynamisch orientierte Therapeuten arbeiten mit den Techniken der freien Assoziation und mit Deutungen. Sie beziehen sich auf tief liegende Konflikte, Bedürfnisse und Impulse und meinen, dass die daraus resultierenden Einsichten zur Auflösung der Konflikte führen.
Therapeuten der humanistischen und existentiellen Denkrichtungen gehen in ihren Behandlungs-formen auf zugrunde liegende Gefühle und Gedanken der Patienten ein, wodurch eine höhere Selbstakzeptanz und damit ein authentischerer Lebensstil erreicht werden soll.
-> beide Behandlungsansätze sind globale Vorgehensweisen und werden von den problemspezifi-schen Interventionsformen unterschieden, die auf die charakteristischen Merkmale der Angststörun-gen eingehen: kognitiv-lerntheoretische und biologische Methoden (-> hohe Effizienz)
Das klinisch-psychologische Behandlungsmodell basiert auf psychobiologischen Konzepten, die sich auf die Störungen der kognitiven und psychophysiologischen Prozesse bei der Entstehung und Auf-rechterhaltung von Angsterkrankungen beziehen.
Konfrontationsverfahren: z.B. Systematische Desensibilisierung (Wolpe), Konfrontationen in vivo und in sensu; Exposure-Verfahren und Angstmanagementtechniken.
Kognitive Verfahren: z.B. Reattribuierungsmethoden
Entspannungsverfahren: z.B. Progressive Muskelentspannung, Biofeedback
Kognitiv-Lerntheoretische Verfahren -> anderen Verfahren deutlich überlegen, was unter anderem auf das „Drei-Komponenten-Modell der Angst“ und das „Teufelskreis-Modell“ zurückzuführen ist.
„Drei-Komponenten-Modell der Angst“: bezieht sich auf 3 Ebenen der Angstmanifestation -> physio-logische, kognitiv-emotionale und verhaltensmäßig-interaktionale Ebene -> aufgrund der Berücksich-tigung dieser drei Ebenen und ihrer Wechselwirkungen ist das Verständnis für die Angst und Thera-pieplanung möglich.
„Teufelskreis-Modell“: enthält auch biologische Faktoren sowie Umwelt- und Verhaltensfaktoren, wodurch der Aufschaukelungsprozess der Angst vorübergehend unterbrochen werden kann, eine Erholung gegeben wird und der Betroffene eine Umbewertung der bedrohlichen Symptome lernt.

2. Posttraumatische Belastungsstörungen und akute Anpassungsreak-tionen
Psychotraumatologie beschäftigt sich mit den Reaktionen auf Erlebnisse, die außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrungen liegen. Zwei Klassifikationen im Mittelpunkt:
- akute Belastungsreaktion
- posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)
Beide Störungsbilder sind sowohl im ICD als auch im DSM klassifiziert und dem Formenkreis der Angststörungen zugeordnet.
5 Hauptkriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung (=Symptomgruppen):
- Erlebnis eines Traumas
- Intrusion (= unwillkürliche und belastende Erinnerungen an das Trauma)
- Vermeidungsverhalten und allgemeiner emotionaler Taubheitszustand
- Anhaltendes physiologisches Hyperarousal (= Übererregung)
- Symptome dauern länger als einen Monat
Nosologie: Einordnung der PTSD in übergeordnete Gruppe -> lange Diskussion darüber. Folgende Alternativen standen zur Auswahl, da sie gemeinsame Merkmale mit der PTSD aufweisen:
- Belastungsstörungen
- Angststörungen
- Dissoziative Störungen
- Reaktive Depression (nur im deutschsprachigen Raum)
Der Begriff „Trauma“ bedeutet „eine Wunde, die aufbricht“ und meint im psychologischem Sinne, die Konfrontation mit einem Ereignis, das real stattgefunden hat, dem sich der Mensch schutz- und hilflos ausgeliefert fühlt und bei dem die gewohnten Abwehrmechanismen und Verarbeitungsstrate-gien erfolglos sind. Die Reizüberflutung und Reizüberwältigung ist so groß, dass automatisch Angst entsteht, die nicht mehr beherrschbar ist. Als Folge treten kurz- bzw. langfristige psychische Störun-gen auf. Traumatisierung meint den Prozess, Trauma ist das Ergebnis dieses Vorganges.
Definition von Traumen und verschiedene Traumaarten:
• Menschlich verursachte Traumen (manmade disasters):
- Sexuelle und körperliche Misshandlungen in der Kindheit
- Kriminelle und familiäre Gewalt
- Vergewaltigungen
- Krieg und Folter
- Geiselnahme = zivile Gewalterlebnisse
- Massenvernichtungen
• Katastrophen, berufsbedingte und Unfalltrauma:
- Naturkatastrophen, techn. Katastrophen
Es gibt 2 Typen von Traumen, die einerseits durch Naturereignisse, andererseits durch menschliche Aktionen ausgelöst werden können:
Typ I – Traumen -> kurzdauernde Traumen:
- Naturkatastrophen
- Unfälle
- Technische Katastrophen
- Kriminelle Gewalttaten wie Überfälle und Schusswechsel
Typ II – Traumen -> länger dauernde, wiederholte Traumen:
- Geiselhaft
- Mehrfache Folter
- Kriegsgefangenschaft
- KZ-Haft
- Wiederholte, sexuelle oder körperliche Gewalt in Form von Kindesmissbrauch, Kindesmiss-handlungen sowie wiederholten Vergewaltigungen
Einzelsymptome der PTSD:
- Intrusion
- Belastende Träume
- Erinnerungsattacken (flashbacks)
- Belastung durch symbolisierende Auslöser
- Physiologische Reaktionen bei Erinnerung
- Gedanken- und Gefühlsvermeidung
- Aktivitäts- oder Situationsvermeidung
- (Teil-)Amnesien
- Interessensverminderung
- Entfremdungsgefühl
- Eingeschränkter Affektspielraum
- Eingeschränkte Zukunft
- Ein- und Durchschlafschwierigkeiten
- Erhöhte Reizbarkeit
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Übermäßige Wachsamkeit
- Übermäßige Schreckreaktionen
2.1. Hauptmerkmale der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD)
Janoff-Bulman beschreibt zwei sich scheinbar widersprechende Sets von Reaktionen:
1.) Verneinung und emotionale Taubheit (emotional numbing)
2.) Intrusion und Wiedererleben des Traumas in allen Bewusstseinszuständen (z.B. Albtraum, Tagtraum)
Betroffene schwanken zwischen dem Bedürfnis, sich mit dem Trauma auseinanderzusetzen und es zu verleugnen, um sich davor zu schützen.
Diagnosekriterien der PTSD nach DSM-IV (ohne Kriterien für Kinder):
• A Ereigniskriterium: Die Person hat traumatisches Ereignis erlebt, das beiden folgen-den Bedingungen genügt:
- Die Person erlebte oder beobachtete ein oder mehrere Ereignisse, in der eine potentielle oder reale Todesdrohung, ernsthafte Verletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit bei sich oder anderen geschah.
- Die Person reagierte mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken
• B Symptomgruppe: Erinnerungsdruck (ein Symptom für Diagnose notwendig)
- Intrusion
- Belastende Träume bzw. Albträume
- Nachhallerlebnisse
- Belastung durch Auslöser
- Physiologische Reaktionen bei Erinnerung
• C Symptomgruppe: Vermeidung/emotionale Taubheit (drei Symptome für Diagnose notwendig)
- Gedanken- und Gefühlsvermeidung
- Aktivitäts- oder Situationsvermeidung
- (Teil-)Amnesien
- Interessensverminderung
- Entfremdungsgefühl
- Eingeschränkter Affektspielraum
- Eingeschränkte Zukunft
• D Symptomgruppe: chronische Übererregung (zwei Symptome für Diagnose not-wendig)
- Ein- und Durchschlafschwierigkeiten
- Erhöhte Reizbarkeit
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Hypervigilianz
- Übermäßige Schreckreaktion
• E Dauer der Beeinträchtigung (Symptome der Kriterien B, C und D) ist länger als 1 Monat
• F Die Störung verursacht klinisch bedeutsame Belastungen oder Beeinträchtigungen im sozialen und Berufsbereich sowie anderen wichtigen Funktionsbereichen.
Als zugehörige Merkmale und Störungen gelten qualvolle Schuldgefühle, überlebt zu haben, während andere nicht überlebten. Andere Personen wiederum fühlen sich schuldig, weil sie Handlungen ge-setzt haben, um zu überleben.
Vor allem in Zusammenhang mit Gewalteinwirkungen durch andere Menschen (z.B.: Geiselnahme, sexueller Missbrauch, KZ oder Folter -> manmade desaster) findet sich häufig folgendes Symptom-muster:
- Reduziertes Gefühlsleben
- Selbstschädigendes und impulsives Verhalten
- Dissoziative Symptome
- Somatische Beschwerden
- Gefühle der Insuffizienz
- Scham
- Intensive Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit
- Sich auf Dauer geschädigt fühlen
- Verlust zuvor bestehender Werte
- Feindseligkeit und sozialer Rückzug
- Beeinträchtigungen in Beziehungen
- Gefühl ständiger Beobachtung
- Veränderungen der Persönlichkeit
Darüber hinaus listet das DSM-IV ein erhöhtes Risiko für Panikstörungen, Agoraphobie, Zwangsstö-rungen, Soziale Phobie, Spezifische Phobie, Major Depression, Somatisierungsstörungen und Störun-gen durch psychotrope Substanzen auf.
Die typischen Symptome der PTSD bzw. traumatischer Reaktionen werden oft verstärkt oder ausge-löst, wenn die Person mit Situationen oder Aktivitäten konfrontiert wird, die dem ursprünglichen Ereignis ähnlich sind oder stark daran erinnern. Üblicherweise setzen die Symptome unmittelbar oder bald nach dem Trauma ein.
2.2. Epidemiologie
Traumahäufigkeiten (in Abhängigkeit von traumatischen Ereignissen):
Traumaart Trauma-Häufigkeit. Störungs-Hfgk. (Lebenszeitsinzidenz)
Vergewaltigung 5,5% 55,5%
Sexuelle Belästigung 7,5% 19,3%
Krieg 3,2% 38,8%
Waffengewaltandrohung 12,9% 17,2%
Körperliche Gewalt 9,0% 11,5%
Unfälle 19,4% 7,6%
2.3. Theoretische Modelle zur Entstehung der Posttraumatischen Bela-stungsstörung
2.3.1. Lerntheoretisch-behavioristische Ansätze
Gemeinsam ist den verschiedenen Konzepten, dass zentrale Gedächtnisinhalte in ihrer Struktur und Funktion durch das Ereignis nachhaltig verändert sind. Posttraumatische Furchtstrukturen bilden sich dadurch heraus, dass ein extrem emotional bedeutsamer Stimulus mit einem oder mehreren kogniti-ven Elementen mit körperlichen Reaktionen gekoppelt ist. Die Wiederherstellung der Gesundheit wird durch intensives Durcharbeiten der traumatisch veränderten kognitiven Schemata erreicht.
2.3.2. Modelle gestörter Informationsverarbeitung
Das bekannteste Modell ist von Horowitz -> geht davon aus, dass das Trauma kognitive Schemata derart erschüttert und bedroht, dass es nicht als Ganzes in die Schemata aufgenommen werden kann. Es existiert eine festgelegte, universelle, phasische Abfolge von Reaktionen nach dem Trauma: Als „Phase des Aufschreies“ werden die unmittelbar nach dem Trauma charakteristischen Flucht- bzw. Kampfreaktionen und die extreme physiologische Reagibilität genannt. Es folgen die Phasen der Intrusion und Verleugnung. Ist der Prozess der Oszillation beendet, sind die Erinnerungen weniger lebendig und die emotionalen Reaktionen weniger stark. In der letzten Phase des „Durcharbeitens“ werden existierende Schemata und traumarelevante Informationen in Einklang gebracht.
2.3.3. Psychobiologische Modelle
• Physiologische Veränderungen:
- Erhöhtes allgemeines arousal mit abnormer Schreckreaktion, langsamerer Habituati-on an wiederholte Reize
- Erhöhtes spezifisches arousal für mit dem Trauma assoziierter Reize
- Reduzierte Muster kortikaler evozierter Potentiale auf neutrale Stimuli
- Veränderungen in der Schlafphysiologie
• Biochemische Veränderungen:
- Unterfunktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse mit ver-mindertem Kortiosolspiegel in Blut und Urin
- Gesteigerte noradrenerge Aktivität mit erhöhtem Metabolitenspiegel in Blut und Urin
- Dysregulationen im System endogener Opiate (z.B. Endorphine) mit einer allgemei-nen Senkung der Schmerzschwelle unter Ruhebedingungen und Anhebung der Schmerzschwelle unter Stress
2.4.3. Integrative Ansätze
Versuchen Erkenntnisse aus der klassischen und operanten Konditionierung und Annahmen zu den kognitiven Schemata sowie die Reaktionen des Umfeldes (welche besonders wichtig sind) auf das Trauma zu integrieren.
2.4. Interventionsformen
Pharmakologische Interventionen: Für die Intrusionsbelastung gibt es positive Erfahrungen mit der pharmakologischen Behandlung, ebenso für die Übererregung; bislang wenige Belege für die Be-handlung der emotionalen Taubheit.
Psychologische Interventionen: Die Störung wird durch die Vermeidung auslösender Reize zu einem hohen Anteil aufrechterhalten, daher ist eine Konfrontation mit traumabezogenen Reizen prioritär. (EMDR = Eye-Movement-Desensitization and Reprocessing = ein achtstufiges Verfahren, welches sich auf Augenbewegungen und andere von links nach rechts gehende Stimulierungen bezieht, um nega-tive Gedanken und Erinnerungen umzuformen).

3. Affektive Störungen
Epidemiologisch gesehen sehr weit verbreitet; werden dann als psychische Störung bezeichnet, wenn gewisse Kriterien vorhanden sind:
- Wenn der Alltag nicht bewältigt werden kann
- Wenn Selbstgefährdung vorliegt (z.B. Suizidgedanken und –handlungen)
- Oder wenn Betroffene außer der Norm fallen (z.B. keine sozialen Kontakte, Zurückgezogen-heit)
Affektive Störungen sind Störungen der Stimmungslage und können in zwei Formen auftreten:
1.) ausschließlich im Sinne von Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit , Ängstlichkeit
2.) Reizbarkeit, Getriebenheit bis hin zu einer unbegründeten Euphorie, die im Zustandsbild der Manie auftritt
Bipolare Störungen = Depressionen auf der einen, Manie auf der anderen Seite.
3.1. Klassifikation affektiver Störungen
- Manische Episode (F30): Betroffene haben über eine gewisse Zeitperiode eine totale Über-trieben- und Getriebenheit, erledigen gleichzeitig eine Vielzahl an Tätigkeiten ohne Pausen einzulegen, erschöpfen sich und geben oft viel Geld aus.
- Bipolare affektive Störung (F31): Hier kommen manische und depressive Phasen vor. Das Fallen von einem in das andere Extrem geschieht oft übergangslos und ist für die Personen (und die Umgebung) sehr belastend.
- Depressive Episode (F32): Diese wurde früher als unipolare Depression bezeichnet, das heißt, Betroffene entwickeln nur depressive Störungen ohne manische Elemente.
- Rezidivierende depressive Störung (F33): Betroffene fallen nach einer Remission immer wie-der in die Depression zurück.
- Anhaltende affektive Störungen (F34): Damit ist das ständige Wechselbad zwischen Hypo-manie, Manie und Depression gemeint.
- Andere affektive Störungen (F38) und nicht näher bezeichnete affektive Störungen (F39): Dieser Kategorie umfasst Krankheitsverläufe, bei denen es im Rahmen einer Querschnittbe-trachtung nicht möglich ist, die Diagnose festzulegen und erst später aus dem Verlauf heraus eine Einschätzung bzw. eine Klassifikation bzgl. der Oberkategorien getroffen werden kann.
Affektive Störungen können nach folgenden Gesichtspunkten eingeteilt werden:
- Unipolare depressive Störungen: hier liegen ein oder mehrere depressive Episoden oder ei-ne dysthyme Symptomatik vor. Es wird darunter auch die Major Depression subsumiert, die früher dann als endogene Depression diagnostiziert wurde, wenn sie quasi ohne Anlass auf-getreten ist. Im Kontrast dazu steht die reaktive oder exogene Depression, wo sich im Vor-feld Anlässe (life events) feststellen lassen. Sowohl die endogene als auch die exogene Form der Depression finden sich in den heutigen Klassifikationssystemen nicht mehr! Bei der rezi-divierenden Major Depression kommt es immer wieder zu Rückfällen.
- Bipolare Störungen: -> manisch-depressives Kranksein; mit mindestens einer manischen oder sich abwechselnden manischen, hypomanischen (angehobene Stimmung über längere Zeit, aber keine Manie an sich) und depressive Phasen. Die zyklothyme Symptomatik ist durch ein Hin- und Herschwanken zwischen Manie und Depression charakterisiert.
Manische Episode
- Gehobene Stimmung
- Betroffene haben wenig Kontrolle darüber
- Mind. einige Tage deutlich und durchgehend vorhanden
- Steigerung im Ausmaß der Geschwindigkeit der körperlichen und psychischen Aktivität
- Symptome sind schwer von einem Hyperaktivitätssyndrom abzugrenzen
- können auch von einer Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) kommen
- kommt manchmal auch bei Magersucht vor
Bipolare affektive Störung
Das Bild der Manie kommt am häufigsten zusammen mit einer abwechselnden Hoch- und depressi-ven Stimmung vor. Voraussetzung ist das Auftreten von wenigstens zwei Episoden, in denen Stim-mung und Aktivitätsniveau deutlich gestört sind. Manische Episoden zeichnen sich durch ein abrup-tes Auftreten aus und dauern 2 Wochen bis 4 oder 5 Monate an, Depressionen können hingegen bis zu 6 Monaten permanent vorhanden sein. Somit tritt ein ständiges Abwechseln der Stimmungszu-stände auf. Weiters sind von bipolaren affektiven Störungen depressive Episoden abzugrenzen.
Depressive Episode
- leichte, mittelgradige und schwere Formen einer gedrückten Stimmung
- Interessensverlust, Freudlosigkeit, Verminderung des Antriebs
- Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
- Schuldhafte Verarbeitung: Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, die sich in einem inneren Dialog manifestieren.
- Selbstgefährdung: Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder Suizidhandlungen
Vor 25-30 Jahren gab es die Bezeichnung der lavierten Depression, bei dieser wurde nicht das vor-dergründige Bild der Depression gesehen, sondern somatische Auffälligkeiten: psychomotorische Hemmung (eingezogener Kopf, trauriger Blick, etc.); Aktionshemmungen, Agitiertheit, Appetitverlust oder zu großer Appetit, Schlafstörungen, Gewichts- und Libidoverlust.
3.2. Die vielen Gesichter der Depression
Emotionale Symptome: Gefühle von Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Ängstlichkeit, Verzweiflung, Schuld, Schwermut, Reizbarkeit, Leere, Gefühllosigkeit.
Psychologisch-vegetative Symptome: Energielosigkeit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Weinen, Schlaf-störungen, Morgentief, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Libidoverlust, innere Unruhe, Spannung, Reizbarkeit, Wetterfühligkeit, allgemeine vegetative Beschwerden (Magenbeschwerden, Kopfdruck, etc.) -> Attribution spielt eine große Rolle!
Kognitive Symptome: -> im Sinne des inneren Dialogs: Grübeln, Pessimismus, negative Gedanken, Einstellungen und Zweifel gegenüber sich selbst, den eigenen Fähigkeiten, seinem Äußeren, der Um-gebung, der Zukunft, Suizidgedanken, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten, schwerfälliges Denken, übermäßige Besorgnis um die körperliche Gesundheit.
Behaviorale/motorische Symptome: Verlangsamte Sprache und Motorik, geringe Aktivitätsrate, Vermeidung von Blickkontakt, Suizidhandlungen, kraftlose, gebeugte, spannungslose Körperhaltung oder nervöse, zappelige Unruhe, starre maskenhafte, traurige Mimik, weinerlicher, besorgter Ge-sichtsausdruck.
3.2.1. Rezidivierende depressive Störung
-> immer wiederkehrende depressive Episoden; in der Therapie wird versucht, diese Rückfälle zu verhindern bzw. hinauszuzögern. Es liegen jedoch keine unabhängigen Episoden mit gehobener Stimmung vor, jedoch sind kurze Episoden von leicht gehobener Stimmung und Überaktivität mög-lich.
3.2.2. Anhaltende affektive Störung
Darunter versteht man anhaltende und gewöhnlich fluktuierende Stimmungsstörungen, deren ein-zelne Episoden selten schwer genug sind, um als hypomanische oder leichte depressive Episoden beschrieben zu werden. Es besteht ein beträchtliches subjektives Leiden und Beeinträchtigungen. Die dazugehörigen Termini sind Zyklotyhmia (-> negative und angehobene Elemente wechseln sich ab) und Dysthymia (-> eher immer negativer Bereich).
3.2.3. Nicht näher bezeichnete affektive Störung
-> wenn zum Zeitpunkt der Untersuchung keine eindeutige Zuordnung zu einer der oben genannten Kategorien möglich ist.
3.3. Prävalenzen, Risiko- und Schutzfaktoren und Komorbiditäten
Affektive Störungen treten sehr häufig auf; fast 80% der Betroffenen haben rezidivierende Störun-gen. Punktprävalenz liegt bei Depressionen zwischen 4,5% und 7%; die Lebenszeitprävalenz für alle affektiven Störungen bei 13%. Frauen sind von Depressionen doppelt so häufig betroffen; Beginn liegt im späten Jugend- bis frühen Erwachsenenalter (-> vor allem Major Depression).
Risikofaktoren: niedriger sozialer Status, belastende Lebensereignisse und fehlende soziale Netzwer-ke. Protektive bzw. Schutzfaktoren: befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen, eine gute soziale Integration und ein erfüllendes Berufsleben.
Bei mindestens 56% der Menschen mit affektiven Störungen kommt es zu einem Auftreten weiterer Störungen; zu den häufigsten Komorbiditäten zählen Angststörungen, somatoforme Störungen, Ess-störungen, Substanzmissbrauch und –abhängigkeit.
3.4. Ätiologie
Psychologische Konzepte Biologische Konzepte
Lebensereignisse Familiäre Häufung
Chronische Belastungen Genetische Disposition
Auflösungen von Bindungen -> life events Psychophysiologische Reaktionsmuster
Disharmonische Partnerschaften EEG-Auffälligkeiten
Verstärkerverlust (z.B. durch Umzug) Dominanz der rechten Hemisphäre
Defizite im instrumentellen Verhalten Veränderte Schlafarchitektur
Fehlen alternativen Verhaltens Katecholaminmangel
Ressourcendefizite Indoleaminmangel
Nichtkontrolle Adrenerg-cholinerges Ungleichgewicht
Hilflosigkeit Veränderte Rezeptorsensitivität
Dysfunktionale Verarbeitungsmuster Ausfall mesokortikaler Zentren
Negative Attributionsmuster Störungen im Locus Coeruleus
Starre Handlungsmuster Störungen der HHN-Achse („overdrive“)
Begrenzte, eingeschränkte Handlungsräume Störungen der HHS-Achse (Mangel)
Abhängige Persönlichkeitszüge Wachstumshormondefizit
Soziotropie (äußerst starkes Bedürfnis nach Nä-he, große Angst vor Zurückweisung) Störungen im biologischen Zeitgeber
Weibliches Geschlecht Lichtmangel (physikalisch)
Jüngeres Lebensalter Infektion (in sensiblen Entwicklungsphasen)
Depressive Modell in der Umgebung Hormonelle Umstellungen
Verstärkung depressiven Verhaltens
3.4.1. Konzeptuelles Ätiologiemodell der Depression
Personen weisen gewisse Vulnerabilitäten bzw. Anfälligkeiten auf, die interindividuell sehr verschie-den sein können und die soziale Vorgeschichte berücksichtigen. Bei diesen Menschen führen sehr häufig Auslöser wie stressige Lebensereignisse und veränderte Bedingungen dazu, dass sich gewisse Verhaltensparameter modifizieren: es fehlt an Lebensbewältigungsstrategien, soziale Unterstützung wird anders wahrgenommen etc., und der innere Dialog verändert sich in Richtung Pessimismus. Auch durchaus positiv bewertete Ereignisse wie Heirat oder Geburt eines Kindes können zu depressi-ven Reaktionen führen.
3.4.2. Ätiologiemodelle
Verstärkungstheoretisches Modell nach Lewinsohn (1974)
Geht davon aus, dass Menschen einer Reihe an potentiell verstärkenden Erlebnissen ausgesetzt sind. Es wird zwischen quantitativ verstärkenden Mechanismen (Häufigkeit) und qualitativ unterschiedli-chen Verstärkern (Art und Weise) differenziert. Diese Verstärker sind in unterschiedlichen Lebens-phasen verschieden erreichbar, d.h. wenn das Individuum verschiedenen Lebensereignissen ausge-setzt ist, verschwinden auch die Verstärker.
Modell der erlernten Hilflosigkeit nach Seligman (1975)
Tierversuche bildeten den Ausgangspunkt dieses Modells: Hunden wurden in einem Käfig schmerz-hafte elektrische Reize zugefügt, die sie durch Drücken einer Taste beenden konnten. Versuchstiere, die in einem zweiten Käfig denselben Bedingungen ausgesetzt waren, aber den aversiven Reiz nicht selbst abstellen konnten, entwickelten Apathie, zogen sich in eine Ecke zurück und reagierten kaum. Auf Grund der Nichtkontrolle, der sie ausgesetzt waren, gerieten die Tiere in einen Zustand der Hilf- und Hoffnungslosigkeit.
StressDepression nach Benkert (1995)
Insgesamt können 3 Phasen festgemacht werden:
1.) In der Vorphase entwickelt sich Dauerstress
2.) In der Kernphase entsteht die stressbedingte Depression (-> StessDepression)
3.) In der Folgephase treten körperliche Krankheiten hinzu, wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Kognitive Fehler, dysfunktionale Kognitionen und Schemata
Sehr viele Ätiologiemodelle sind der lerntheoretisch-kognitiven Richtung zuzuordnen. In diesem Zu-sammenhang steht der Begriff des inneren Dialogs bzw. des Gesprächs mit sich selbst. Jeder führt ein verkürztes inneres Selbstgespräch (-> „ideosynkratische Kognitionen“). Diese dysfunktionalen Grund-annahmen sind die Basis dafür, dass Personen mit affektiven Störungen eine negative Sicht über die eigene Person, die Umwelt und die Zukunft entwickeln (Kognitive Triade von Beck). Sie treten auto-matisch auf, laufen nebenher ab und begleiten einerseits Handlungen, lösen aber selbst wiederum weitere Gedanken aus. Personen, die nun gewissen Ereignissen ausgesetzt sind, neigen dazu, diese Bewertungs- oder Attributionsprozesse zu generalisieren, im Weiteren unlogische oder unangemes-sene Schemata zu entwickeln.
Kognitive Theorie von Beck (1981)
Diesem Modell entsprechend liegen der Depression die erwähnten „dysfunktionalen Gedanken“ (logische Fehler) zugrunde, die durch Übergeneralisierung auf das gesamte Leben ausgeweitet wer-den.
Voreilige Schlüsse: Obwohl gegebene Tatsachen dagegen sprechen, werden negative Interpretatio-nen bzw. Schlussfolgerungen vorgenommen (Bsp.: „Ich kann mich einfach nicht aufraffen zu der Par-ty zu gehen. Außerdem will mich dort niemand sehen“.)
Katastrophisieren: Man ist überzeugt, dass die eigene Entwicklung negativ verlaufen wird. Positive Aspekte oder Ereignisse werden nicht bedacht (Bsp.: „Ich werde immer der Fußabtreter vom Chef sein und nie etwas in der Arbeit erreichen“.).
Gedankenlesen: Man ist überzeugt davon, zu wissen, was andere (Negatives) über einen denken (Bsp.: „Warum soll ich mich anstrengen? Schließlich denkt er/sie, ich kann es ohnehin nicht“.).
Selektive Abstraktion: Schlüsse, die nur auf der Grundlage eines Elements von vielen in einer be-stimmten Situation gezogen werden (Bsp.: „Unser Referat wurde so schlecht bewertet, weil ich viel zu schnell gesprochen habe“.).
Beck beschrieb die bekannt gewordene „Kognitive Triade“ der Depressiven, nämlich die negative Sicht über sich selbst, die Umgebung und die Zukunft.
Irrationale Überzeugungen von Ellis (1977)
Hier geht es um Ansprüche, die jemand an sich selbst stellt und wie diese erfüllt werden können. Sollten sie nicht realisierbar sein, so führt das zu Verzweiflung, negativen Dialogen und Depressionen. Aus diesem Ansatz wurde die sogenannte Rational Emotive Therapie (RET) abgeleitet, die logische Argumentation mit gefühlsmäßiger Bewertung verbindet.
3.5. Diagnostik affektiver Störungen
- Strukturiertes Klinisches Interview (SKID) von Wittchen et al. (1997): Dieses erlaubt das Er-stellen von Diagnosen entsprechend der DSM-IV Kriterien.
- Beck-Depressions-Inventar (BDI) von Beck et al. (1961): Selbstbeurteilung -> 21 Depressions-symptome für die vergangene Woche. BDI ist sehr bekannt und wird heutzutage in nahezu al-len Studien zu affektiven Störungen eingesetzt.
- Depressivitäts-Skala (D-S) von Zerssen (1986): Selbstbeschreibungsskala
- Allgemeine Despressions-Skala (ADS) von Hautzinger & Bailer (1992): Messung depressiver Stimmung in nicht-klinischen Stichproben
- Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) von Montgomery & Åsberg (1992): erlaubt die psychometrische Beurteilung depressiver Symptome
- Hamilton’s Depressionsskala von Hamilton (1960): Fremdratingskalen
3.6. Interventionsansätze
3.6.1. Biologische Interventionen
1.) Behandlung mit Antidepressiva
Klassifikation und Wirkmechanismen
Antidepressiva (AD) werden nach ihrer chemischen Struktur und funktionellen Gesichtspunkten klas-sifiziert.
Stoffklasse Beispiele (Handelsnamen)
Tri- und tetrazyklische AD Tofranil®, Anafranil®
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Fluctine®, Seropram®
Monoamin-Oxidase-Hemmer (MAO-I) Aurorix®
Sonstige AD (Aminpräkursoren, Johanniskraut, etc.) Kalma® (Aminpräkursor)
Wichtigste Wirkungen von AD:
- Stimmungsaufhellung: setzt in der Regel erst 2-3 Wochen nach Beginn der Therapie ein. Unmittelbar nach Therapiebeginn kann sogar eine erhöhte Suizidgefährdung aufgrund einer sofort einsetzenden Antriebssteigerung vorliegen!
- Veränderung des Antriebs: verschiedene AD unterscheiden sich diesbezüglich stark und können sedierend, antriebsneutral oder stimulierend wirken.
Bei Verabreichung älterer (v.a. trizyklischer AD) können unerwünschte Nebenwirkungen wie Mund-trockenheit, Störungen der Verdauungstätigkeit, Herzüberleitungsstörungen, sexuelle Funktionsstö-rungen und Gewichtszunahme auftreten. Moderne Pharmaka, v.a. SSRI, zeichnen sich jedoch im All-gemeinen durch gute Verträglichkeit aus.
Neben AD gibt es auch so genannte Phasenprophylaktika, die stimmungsstabilisierend wirken.
- Antidepressiva zur Behandlung rezidivierender unipolarer Depressionen
- Stimmungsstabilisierende Psychopharmaka zur Langzeittherapie der bipolaren Störung
Die wichtigsten Phasenprophylaktika zur Behandlung der bipolaren Störung sind vor allem Lithium-salze (z.B.: Quilonorm®). Diese wirken vorwiegend stimmungsstabilisierend, antimanisch und senken deutlich das Suizidrisiko. Aufgrund der relativ hohen Vergiftungsgefahr (geringe therapeutische Brei-te) muss eine Behandlung unter enger medizinischer Kontrolle erfolgen. Bei raschem Wechsel der Phasen (rapid-cycling) bringen Lithiumsalze nicht die gewünschte Wirkung, hier werden häufig be-stimmte Antikonvulsiva, vor allem Carbamazepin (z.B.: Tegretal®) verabreicht.
2.) Schlafentzugstherapie
Basis ist der zirkadiane bzw. der 24-Stunden-Schlaf-Wachrhythmus. Bei Depressiven ist dieser ge-stört, sie leiden unter Schlafstörungen da sie in der Nacht vor lauter quälenden Gedanken nicht schlafen können und unter tags müde sind und sich bleiern schwer fühlen. Bei kontrollierter Schlaf-entzugstherapie werden die Personen unter Beobachtung meist im Intervall Tag-Nacht-Tag wach gehalten und leben sich erst wieder am nächsten Tag zur normalen Schlafenszeit nieder.
3.) Lichttherapie
Im Zusammenhang mit den saisonalen affektiven Störungen (Herbst-Winter-Depressionen; in den skandinavischen Ländern sehr häufig) sehr populär.
4.) Elektrokrampftherapie
Dieses biologische Interventionsverfahren wurde früher, vor dem Aufkommen von Psychopharmaka, sehr häufig angewandt. In letzter Zeit wird sie wieder eingesetzt, wenn psychopharmakologische Therapie oder andere Interventionen nicht greifen.
3.6.2. Psychologische Interventionen
Vorab muss überprüft werden, ob für den Betroffenen eine psychologische Therapie indiziert ist!
- Mit dem Klienten eine überzeugende Erklärung für seine Erkrankung erarbeiten.
- Das therapeutische Handeln muss in der Interaktion geplant, kontinuierlich und strukturiert erfolgen und gegebenenfalls – Hausaufgaben beinhalten. Der Klient sollte gewisse Bausteine in Selbstmanagement auch außerhalb der Therapiestunden mitbekommen, die er/sie selbst anwenden kann
- Ziel ist, dass Patienten durch die vorgeschlagenen Maßnahmen Erfolge, Verstärkung und Ab-lenkung erfahren. Sie sollen über diese Wege sehen, dass ihnen doch etwas Freude bereiten kann.
- Schließlich gilt es zu bewirken, dass die Patienten die erzielten Veränderungen sich selbst zu-schreiben (Selbstattribution)!
Elemente einer wirksamen Depressionstherapie:
- Educational Workshops: psychoedukative Elemente, Personen sollen darauf aufmerksam gemacht werden, wie sie der Depression entgegensteuern können oder wie sie mit ihren Ge-danken umzugehen lernen, damit sie Erlebnisse, Ereignisse und Gegebenheiten anders be-werten.
- Selbstbeobachtung ist die Grundlage des inneren Dialogs
- Selbstverstärkung , da Verstärkung nicht immer nur von außen kommen kann.
- Kognitive Umstrukturierung stellt einen sehr aufwendigen Prozess dar, es geht nicht um überhöhte Kognitionen oder das Vorgaukeln von Unrealistischem, sondern um realistische Einschätzungen darüber, wie die Welt funktioniert. Besonders auf die individuelle Sichtweise achten!
- Problemlösen, Problemlöseprozesse: Der Fokus ist auf der Frage gerichtet, wie kann was und wann getan und ein Ergebnis erzielt werden (Ausbrechen aus „Teufelskreisen“).
- Aktivitätsplanung/Gestaltung der Umwelt: In Anlehnung an Lewinsohn sollen Verstärker herausgearbeitet werden, was eine Person als positiv empfindet.
- Zukunftsplanung: nicht für die nächsten Jahre, sondern zu Beginn der Therapie für die näch-sten Stunden, vielleicht die nächsten Tage bis zu den nächsten Wochen.
- Soziale Kompetenz/Selbstbehauptung
- Entspannung: manche bevorzugen passive Entspannungstechniken, manche über die Rück-meldung vegetativer Parameter (Biofeedback), andere wiederum lassen sich lieber auf aktive Entspannungsverfahren (Jacobsen Muskeltraining) ein.
- Rückfallprophylaxe: Diese ist besonders wichtig, da affektive Störungen rezidivierenden Cha-rakter aufweisen. Ziel ist es, Personen sensibel darauf zu machen, wie sie einen etwaigen Rückfall möglichst früh erkennen können.
- Selbsthilfegruppen
Dysfunktionale Grundannahmen, Beispiele und Interventionen
Grundannahme Beispiel Intervention
Übergeneralisierung Wenn es in einem Fall stimmt, dann trifft es in jedem ähnli-chen Fall auch zu. Aufdecken der mangelhaften Logik. Suche nach Kriterien, welche Fälle „ähnlich“ sind bzw. in welchem Ausmaß sie es sind.
Selektive Abstraktion Die einzigen Ereignisse, die zählen, sind Misserfolge, Ent-behrungen usw. Man sollte sich an Irrtümern und Schwächen messen. Man lasse den Patienten Buch führen, um die von ihm unge-achteten Erfolge identifizieren zu können.
Übertriebenes Verantwor-tungsgefühl Ich bin verantwortlich für jedes Misslingen, Versagen usw. Reattribuierung, alternative Erklärungen
Annehmen einer zeitlichen Kausalität, Vorhersage ohne zeitliche Evidenz Wenn es in der Vergangenheit zutraf, wird es immer zutreffen Aufdecken der mangelhaften Logik. Benennen von Faktoren, die das Ergebnis ungeachtet früherer Ereignisse beeinflus-sen können.
Bezugnahme auf die eigene Person Ich stehe im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit Benennen von Kriterien, um festzustellen, wann und unter welchen Bedingungen der Pati-ent im Mittelpunkt der Auf-merksamkeit steht.
Katastrophisieren Denke immer an das Schlimm-ste. Es wird dir sicher zustoßen. Kalkulieren realistischer Wahr-scheinlichkeiten, Konzentration auf Ereignisse, bei denen nicht das Schlimmste eintraf.
Dichotomes Denken Es gibt nur zwei extreme Beur-teilungskriterien (schwarz oder weiß, gut oder schlecht). Demonstrieren, dass Ereignisse anhand eines Kontinuums be-urteilt werden.
Kognitionsverändernde Methoden:
- Realitätstestung
- Reattribution
- Alternative Erklärungen finden
- Entkatastrophisieren
- Pro- und Contra-Argumente sammeln
- Rollentausch
- Verhaltensexperimente

4. Somatoforme und dissoziative Störungen
4.1. Somatoforme Störungen
So werden jene Krankheitsbilder bezeichnet, bei denen körperliche Beschwerden ohne eindeutige organische Ursache im Vordergrund stehen, oder bei denen Ängste um die körperliche Gesundheit von krankhaftem Ausmaß sind. Diese Störungen stehen häufig in Zusammenhang mit einem be-trächtlichem Medikamentenkonsum („doctor shopping“). Folgende Krankheiten werden im DSM-IV unter den Somatoformen Störungen subsumiert:
- Somatisierungsstörung
- Undifferenzierte somatoforme Störung
- Konversionsstörung
- Schmerzstörung
- Hypochondrie
- Körperdysmorphe Störung
- Nicht näher bezeichnete somatoforme Störung
Im Vergleich dazu die Klassifikation des ICD-10:
- Somatisierungsstörungen
- Undifferenzierte Somatisierungsstörungen
- Hypochondrische Störungen
- Somatoforme autonome Funktionsstörung
- Anhaltende somatoforme Schmerzstörung
- Sonstige somatoforme Störungen
- Nicht näher bezeichnete somatoforme Störung
Lebenszeitprävalenz: 0,1%; bei Frauen häufiger; Krankheitsbeginn meist in der späten Adoleszenz; hohe Komorbidität mit Angststörungen, affektiven Störungen und Substanzmissbrauch.
Diagnostik:
- Screening für somatoforme Störungen (SOMS)
- Beschwerdeliste (BL)
- Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI-R)
- Skala körperliche Beschwerden
- Freiburger Beschwerdeliste (FBL)
- Gießener Beschwerdebogen
- Symptom-Check-List SCL-90-R
- MMPI Subskala „Hypochondrie“
- Whiteley Index (WI)
4.1.1. Somatisierungsstörungen
-> schwerste Form innerhalb der somatoformen Störungen! Betroffene beschreiben multiple, wie-derkehrende, körperliche Beschwerden, die offensichtlich keine körperlichen Ursachen haben. Es können verschiedene Organbereiche von Beschwerden betroffen sein.
Somatoforme autonome Funktionsstörungen (F45.3)
- Kardiovaskuläres System (F45.30)
- Oberer Gastrointestinaltrakt (F45.31)
- Unterer Gastrointestinaltrakt (F45.32)
- Respiratorisches System (F45.33)
- Urogenitales System (F45.34)
- Sonstige Organsysteme (F45.38)
Diagnostische Kriterien des ICD-10 bei Somatisierungsstörungen (F45.0):
- Mindestens 2 Jahre anhaltende multiple und unterschiedliche körperliche Symptome, für die keine ausreichende somatische Erklärung gefunden wurde.
- Hartnäckige Weigerung, den Rat oder die Versicherung mehrerer Ärzte anzunehmen, dass für die Symptome keine körperliche Erklärung zu finden ist.
- Eine gewisse Beeinträchtigung familiärer und sozialer Funktionen durch die Art der Sympto-me und das daraus resultierende Verhalten.
4.1.2. Konversionsstörungen
Somatisierungsstörungen und Konversionsstörungen sind oft schwierig auseinander zu halten. Be-treffen die Symptome vor allem den Bereich der willkürlichen Motorik und der sensorischen Funktio-nen und kann eine neurologische Diagnose ausgeschlossen werden, ist das Vorliegen einer Konversi-onsstörung wahrscheinlich. Bsp.: Lähmungserscheinungen, sens. Störungen und Krampfanfälle.
4.1.3. Schmerzstörung
Stehen hingegen Schmerzsymptome im Vordergrund der Erkrankung, ist an eine Schmerzstörung zu denken, wobei zu beachten ist, ob eher körperliche oder eher psychische Faktoren (subjektiver Krankheitsgewinn) mit den Schmerzempfindungen in Zusammenhang gebracht werden.
4.1.4. Körperdysmorphe Störungen
Es besteht eine übertriebene Beschäftigung mit dem Aussehen der eigenen Person. Die Betroffenen empfinden bestimmte Körperteile als schwer missgestaltet, obwohl keine offensichtliche Missbildung vorliegt. Soziale und kulturelle Normen spielen dabei eine wichtige Rolle. Differentialdiagnostisch muss dieses Störungsbild von anderen Körperschemastörungen und wahnhaften Erkrankungen un-terschieden werden.
4.1.5. Hypochondrische Störung
Betroffene beschäftigen sich vor allem mit der Furcht vor schweren Krankheiten bzw. sie sind der Überzeugung, dass sie körperlich schwer krank sind. „Dissimulation“ -> etwas nicht wahrhaben wol-len, wie z.B. bei der Hypochondrie will der Patient nicht wahrhaben, dass er gesund ist, er täuscht aber keine Krankheit vor!
Diagnostische Leitlinien der Hypochondrischen Störung (F45.2):
- Eine anhaltende Überzeugung vom Vorhandensein wenigstens einer ernsthaften körperli-chen Krankheit, als Ursache für vorhandene Symptome, auch wenn wiederholte Untersu-chungen keine ausreichende körperliche Erklärung erbracht haben; oder eine anhaltende Be-schäftigung mit einer vermuteten Entstellung.
- Ständige Weigerung, den Rat und die Versicherung mehrerer Ärzte zu akzeptieren, dass den Symptomen keine körperliche Krankheit zugrunde liegt.
4.2. Ätiologie somatoformer Störungen
Psychoanalytische Ansätze: Die Symptome werden als Ausdruck intrapsychischer Konflikte im Rah-men eines sexuellen Verführungserlebnisses in der ödipalen Phase interpretiert. Diese traumatischen Erfahrungen werden als beängstigend erlebt und verdrängt. In der Folge werden die aggressiven Erregungszustände in körperliche Symptome transformiert.
Lerntheoretische Ansätze: Diese gehen davon aus, dass die Art des Umgangs mit Körpersignalen, ihre Bewertung sowie Verhaltenskonsequenzen über eigene Erfahrungen oder über Modelle gelernt werden.
4.3. Therapie somatoformer Störungen
In den psychodynamisch orientierten Therapien geht es um ein Bewusstwerden des zugrundelie-genden Konflikts, der das Trauma ausgelöst hat. Im Mittelpunkt stehen dabei Konfrontation mit den Verdrängungsprozessen, die bereits in der Kindheit eingesetzt haben, und die freie Assoziation.
Die kognitiv-lerntheoretischen Ansätze betonen den Prozess der Umattribuierung der Bewertung körperlicher Empfindungen und versuchen, dem Betroffenen wieder die Kontrolle über seine beein-trächtigten Funktionen zu ermöglichen. Dem Bedürfnis des Patienten nach externer Rückversiche-rung wird im Verlauf der psychologischen Behandlung immer weniger nachgegeben, damit der Pati-ent lernt, selbständige Strategien zur Beruhigung zu entwickeln. Die Einbeziehung des psychosozialen Umfeldes ist ein wichtiger Ansatzpunkt, da inadäquate Rückversicherungen und Beruhigung unter-bunden werden müssen.
Therapiemodell zur psychologischen Behandlung beim Somatisierungssyndrom:
1.) Beziehungsaufbau und diagnostische Maßnahmen
2.) Zieldefinition
3.) Umattribution des organischen Krankheitsmodells
4.) Verhaltensänderungen
5.) Maßnahmen zur psychischen Stabilisierung
4.4. Dissoziative Störungen
Darunter wird die Trennung eines Teils der Identität einer Person von den anderen Identitätsmerk-malen verstanden.
Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) nach ICD-10 (F.44):
- Dissoziative Amnesie (F44.0)
- Dissoziative Fugue (F44.1)
- Dissoziativer Stupor (F44.2.)
- Trance und Besessenheitszustände (F44.3)
- Dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindungen (F44.4-F44.7)
- Sonstige dissoziative Störungen (F44.8)
- Nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen (F44.9)
Allen dissoziativen Störungen gemeinsam ist eine plötzliche, zeitlich begrenzte Änderung der norma-len integrativen Funktionen des Bewusstseins, der Identität oder des motorischen Verhaltens. Wich-tige persönliche Ereignisse können nicht erinnert werden, wodurch die gewohnte Identität verloren geht.
Dissoziative Störungen sind gekennzeichnet durch:
- Einen teilweisen oder völligen Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen sowie der Kon-trolle der Körperbewegungen.
- Die Annahme, dass die Fähigkeit zu bewusster und selektiver Kontrolle in einem Ausmaß ge-stört ist, das ständig wechseln kann.
- Ausschluss: Simulation
4.4.1. Dissoziative Amnesie
Dabei entsteht plötzlich eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Daten zu erinnern. Tritt meist in Zeiten besonderer Belastung auf. Hauptsymptom ist der Verlust des episodischen Gedächtnisses. Auslöser sind jeweils traumatische Erlebnisse. Es können 4 Formen der dissoziativen Amnesie be-schrieben werden:
- Lokalisierte Amnesie
- Selektive Amnesie
- Generalisierte Amnesie
- Kontinuierliche Amnesie
Diagnostische Leitlinien – Dissoziative Amnesie (F44.0):
- Partielle oder vollständige Amnesie für kürzlich traumatisierende oder belastende Ereignisse
- Fehlen von hirnorganischen Störungen, Intoxikation oder extremer Erschöpfung.
Die Folgen einer dissoziativen Amnesie sind eine völlige Desorientiertheit und ein zielloses Umherlau-fen der betroffenen Person, wobei das Allgemeinverhalten sonst unauffällig bleibt. Der Zustand kann mehrere Stunden bis Tage andauern und findet oft ein plötzliches Ende.
4.4.2. Dissoziative Fugue
Dabei kommt es zu einer vollständigen Amnesie und auch zu einer regelrechten physischen Flucht. Die betroffene Person verlässt ihren bisherigen Wohnort und nimmt eine völlig neue Identität an. Es werden Namensänderungen, Arbeitswechsel etc. durchgeführt und neue Kontakte geknüpft. Der Zustand der dissoziativen Fugue kann entweder nur kurz (einige Stunden) oder aber auch längere Zeit (einige Tage) andauern und sehr plötzlich enden. Prävalenzrate liegt in der Bevölkerung bei 0,2%.
Diagnostische Leitlinien – Dissoziative Fugue (F44.1)
- Kennzeichen der dissoziativen Amnesie (F44.0)
- Zielgerichtete Ortsveränderung über den üblichen täglichen Aktionsbereich hinaus
- Aufrechterhalten der einfachen Selbstversorgung (Essen, Waschen) und einfacher sozialer In-teraktionen mit Fremden.
Stupor scheint in der Kategorie des ICD-10 nicht, aber im DSM-IV auf.
Diagnostische Leitlinien – Dissoziativer Stupor (F44.2)
- Beträchtliche Verringerung willkürlicher Bewegungen und normaler Reaktionen auf äußere Reize wie Licht, Geräusche oder Berührungen; Patient schläft nicht und ist nicht bewusstlos.
- Fehlen körperlicher oder spezifischer psychiatr. Störungen, die den Stupor erklären könnten.
- Kurz vorhergegangenes belastendes Ereignis oder gegenwärtige Probleme.
4.4.3. Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung)
Im Rahmen dieser Störung existieren zwei oder mehrere verschiedene Persönlichkeiten (Subpersön-lichkeiten) innerhalb einer Person nebeneinander. Jede dieser Persönlichkeiten hat ihre eigene Le-bensform, ihre Gefühle und Verhaltensmuster, die unabhängig voneinander zu unterschiedlichen Zeiten dominant werden. Der Wechsel von einer Subpersönlichkeit zur anderen erfolgt meist sehr plötzlich und eindrucksvoll. Jede Persönlichkeit ergibt eine komplexe und integrierte Ganzheit.
Der Beginn liegt in der Adoleszenz, wobei die Störungen auch in der Folge von Missbrauchserlebnis-sen im Kindesalter entstehen können. Nahezu alle Patienten wurden in ihrer Kindheit körperlich misshandelt. Es gibt unterschiedliche Zusammenhänge und Beziehungsarten zwischen den Subper-sönlichkeiten: die wechselseitige Amnesie, das wechselseitige Wissen umeinander und die einseitige Amnesie (kommt am häufigsten vor).
Im ICD-10 fällt die dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) in die Kategorie der „Dissoziativen Störungen, gemischt (F44.7)“.
Dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindungen (F44.4-F44.7):
- Dissoziative Bewegungsstörungen (F44.4)
- Dissoziative Krampfanfälle (F44.5)
- Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen (F44.6)
- Dissoziative Störungen, gemischt (F44.7)
- Ganser Syndrom, Multiple PS, vorübergehende dissoziative Störung, sonstige nicht nä-her bezeichnete dissoziative Störungen
4.5. Ätiologie dissoziativer Störungen
Psychoanalytisch orientierte Ansätze nehmen an, dass die dissoziative Störung ein massiver Ausdruck der Verdrängung unannehmbarer, angstauslösender Traumen ist. Es wird damit die tief sitzende Angst vor einer schmerzlichen Erinnerung abgewehrt und so ein Bewusstwerden nicht zugelassen.
Kognitiv-lerntheoretische Ansätze sprechen ebenso von traumatischen Erlebnissen, jedoch herrscht hier die Ansicht vor, dass Menschen, denen ein schreckliches Ereignis widerfahren ist, lernen zu ver-gessen. Aufgrund des Vergessensprozesses erfahren die Betroffenen eine Angstreduzierung und Er-leichterung, was zu einer Vermeidung der Angst und deshalb zu einer Verstärkung des Vergessens führt.
4.6. Therapie dissoziativer Störungen
Eine psychoanalytische Behandlungsmethode ist sehr verbreitet. Durch die Technik des freien Assozi-ierens wird dem Patienten die Möglichkeit gegeben, seine Lebensgeschichte zu bearbeiten, wobei besonders Gedächtnislücken wieder gefüllt werden sollen. Zusammen mit der psychoanalytischen Therapie wird auch häufig die hypnotische Therapie angewandt. Erinnerungen können erfolgreich reaktiviert und in die Persönlichkeit integriert werden. Das globale Ziel besteht darin, den Betroffe-nen davon zu überzeugen, dass das vergessen oder die Spaltung in verschiedene Persönlichkeiten nicht mehr notwendig ist, um mit dem Trauma umgehen zu können.

5. Substanzinduzierte Störungen: Drogen, psychotrope Substanzen
DSM-IV – Substanzmissbrauch:
A.) Mind. eines der folgenden Kriterien muss sich innerhalb desselben 12-Monats-Zeitraums manifestieren:
1.) Wiederholter Substanzkonsum, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Ver-pflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt.
2.) Wiederholter Substanzkonsum in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu ei-ner körperlichen Gefährdung kommen kann.
3.) Wiederholte Probleme mit dem Gesetz in Zusammenhang mit dem Substanzkonsum.
4.) Fortgesetzter Substanzkonsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwi-schenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen der psychotropen Substanz verursacht oder verstärkt werden.
B.) Die Symptome haben niemals die Kriterien für Substanzabhängigkeit der jeweiligen Sub-stanzklasse erfüllt.
DSM-IV – Substanzabhängigkeit:
Mind. drei der folgenden Kriterien müssen zu irgendeiner Zeit in demselben 12-Monats-Zeitraum auftreten:
1.) Toleranzentwicklung
2.) Entzugssymptome
3.) Die Substanz wird häufig in großen Mengen oder länger als beabsichtigt eingenommen.
4.) Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche, den Substanzkonsum zu verringern oder zu kontrollieren.
5.) Viel Zeit für Aktivitäten, um die Substanz zu beschaffen, sie einzunehmen oder sich von ihren Wirkungen zu erholen.
6.) Wichtige soziale, berufliche oder Freizeitaktivitäten werden eingeschränkt.
7.) Substanzkonsum wird trotz Kenntnis der von ihm ausgelösten Probleme fortgesetzt.
5.1. Definitionen wichtiger Begriffe
1.) Psychische Abhängigkeit, Craving: Unbezwingbares Verlangen oder Gier; Ziel: lustvollen Zustand wieder zu erreichen und Unlustgefühle zu vermeiden.
2.) Körperliche Abhängigkeit: Anpassungsprozess des Stoffwechsels , der bei bestimmten Sub-stanzen nach wiederholter Einnahme dazu führt, dass der Körper auf eine regelmäßige Ein-nahme der Substanz angewiesen ist:
A.) Toleranz: Zunehmend größere Mengen der Substanz sind notwendig, um die gleiche Wirkung zu erzielen; gleiche Dosis führt dazu, dass die Wirkung allmählich abnimmt.
B.) Entzugserscheinungen: Nach Absetzen der Substanz treten negative Symptome auf, die nur durch wiederholte Einnahme der Substanz abgewendet werden können.
3.) Soziale Auswirkungen: Vernachlässigung der sozialen Beziehungen, Nachlassen der berufli-chen oder schulischen Leistungsfähigkeit, Verwahrlosungserscheinungen sowie kriminelle Ver-haltensweisen.
5.2. Epidemiologische Daten
Studie von Simon und Wiblishauser (1993) -> Situation in Deutschland:
Lebenszeitprävalenz für illegale Substanzen: 16,3% (2/3 Cannabis-Produkte); Aktuelle Prävalenz (letz-tes Monat): 4,8%; 0,2% gaben an, Opiate konsumiert zu haben; 0,3% Kokain; 25- bis 39Jährige: 3,3% nehmen mind. einmal in der Woche Schmerzmittel; 0,4% Schlafmittel und 1,0% Beruhigungsmittel.
Im Bereich der Opiatbehandlung zwei Drittel Männer; in der Altersgruppe unter 20 Jahre 50:50 Gleichverteilung, bei Medikamentenabhängigkeit: 60% Frauenanteil.
5.3. Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen (nach ICD-10)
Halluzinogene:
- F16 Störungen durch Halluzinogene (Psychedelische Substanzen)
- F12 Störungen durch Cannabinoide
Zentral aktivierende Substanzen, Stimulantien:
- F14 Störungen durch Kokain
- F15 Störungen durch sonstige Stimulantien einschließlich Koffein
- F17 Störungen durch Tabak
Zentral dämpfende Substanzen:
- (F10 Störungen durch Alkohol)
- F18 Störungen durch flüchtige Lösungsmittel
- F13 Störungen durch Sedative und Hypnotika
- F11 Störungen durch Opioide
- F19 Störungen durch multiplen Substanzgebrauch (Polytoxikomanie) und Konsum sonstiger psychotroper Substanzen
1.) Halluzinogene:
-> sind Substanzen, die durch ihre Wirkung auf das limbische und retikuläre System die natürliche Filterfunktion des Gehirns ausschalten, die Sinneswahrnehmungen verändern und somit ein verän-dertes Bild der Realität herbeiführen.
Symptome:
- Illusionen
- Verzerrung von Raum und Zeit
- Pseudohalluzinationen
- Depersonalisationserlebnisse
- Überzeugung, dass einerseits gesteigerte sensorische Wahrnehmungen, wie auch der Wahr-nehmende selbst, von außerordentlicher Bedeutung sind
- Extrem weite Pupillen (Mydriasis)
- Synästhesien
- Depression
- Angst („Horrortrip“)
„Flashback“ oder Nachhall-Psychose: Ein Rauschzustand, der Wochen und Monate nach einem kon-sumfreien Intervall plötzlich und heftig auftritt.
Substanzen:
- Lysergsäure-Diäthylamid (LSD): wurde ursprünglich aus dem Mutterkorn gewonnen, wird heute vollsynthetisch hergestellt
- Meskalin: aus dem mexikanischen Peyote-Kaktus gewonnen
- Psylocibin: in Pilzen enthalten
Cannabinoide: Cannabis wird aus dem Harz der Hanfstaude (Cannabis sativa) gewonnen, Hauptwirk-stoff ist Tetrahydrocannabinol (THC). Es kann entweder als Haschisch (ausgeschiedenes Harz) oder als Marihuana (getrocknete Blätter und Triebspitzen) konsumiert (meist geraucht) werden.
Wirkung besteht im Allgemeinen in der Ausschaltung von negativen Umweltreizen bis hin zu dem Zustand, der als „High“-Phase bezeichnet wird. Niedrige Dosen führen in der Regel zu einem Gefühl von innerer Freude und Entspannung, zu kontemplativer Ruhe oder aber zu Gesprächigkeit. Manche Konsumenten werden aber auch ängstlich, reizbar, launisch und misstrauisch -> Abhängig vom „set-ting“. In hohen Dosen können visuelle Verzerrungen, Veränderungen des Körpergefühls, Halluzina-tionen und auch Panikattacken auftreten.
„Amotivationales Syndrom“: Passivität und Unproduktivität, Lethargie und Vernachlässigung der per-sönlichen Belange.
2.) Zentral aktivierende Substanzen:
Stimulantien (Koffein, Tabak, Kokain, Amphetamine) sind Substanzen, die die Aktivität des ZNS erhö-hen und dadurch Blutdruck und Puls steigern, sowie aktiveres Verhalten, schnellere Denkprozesse und gesteigerte Wachheit hervorrufen.
Kokain: Wird aus den Blättern des Kokastrauches gewonnen, es wird in der Regel inhaliert, kann je-doch auch intravenös zugeführt werden, oder in der Form als „freebase“ (Crack) geraucht werden.
Wirkung:
- Euphorisches Anfluten von Wohlbefinden und übersteigertes Selbstvertrauen
- Konsumenten fühlen sich tatkräftig, gesprächig und euphorisch
- Gesteigerte Erregung und Wachheit
- Regt die körpereigen produzierten Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin an
- An den Empfängerneuronen kommen übermäßig große Mengen dieser Substanzen an
- ZNS wird überstimuliert
- Große Dosen führen zu Aggression, Größenideen und Affektlabilität
- Nach Abflauen des Rauschzustandes kann sich ein depressionsähnlicher Zustand einstellen
- Kopfschmerzen und Benommenheit
Kokain erzeugt eine hohe psychische Abhängigkeit, körperliche Abhängigkeit mit Toleranzentwick-lung und Entzugssymptomen:
- Depression
- Starke Müdigkeit
- Schlaflosigkeit
- Reizbarkeit
- Zittrigkeit
- Angst
- Mögliche Organschäden: Schäden der Nasenscheidewand, Herzstörung
Amphetamine und „Designerdrogen“: -> sind stimulierende Substanzen, die ausschließlich synthe-tisch in Labors hergestellt werden. Sie haben eine ähnliche Wirkung wie Kokain; enorme Toleranzbil-dung; bis zu 200fache Menge in kürzester Zeit. Entzugssymptome: Tiefe Depressionen und übermä-ßiges Schlafbedürfnis.
Ecstasy (Liebesdroge): Eine Designerdroge auf Amphetaminbasis, der oft verschiedenste andere Sub-stanzen beigemischt werden. Es werden Gefühle wie Offenheit, Friede und Zuneigung erzeugt. Durch übermäßiges Tanzen ist die Gefahr einer Dehydrierung groß.
Koffein und Nikotin: von geringer klinischer Relevanz.
3.) Zentral dämpfende Substanzen
-> verlangsamen die Tätigkeit des ZNS und wirken spannungslösend und enthemmend, beeinträchti-gen jedoch die Urteilsfähigkeit, die motorische Aktivität und die Konzentration.
Flüchtige Lösungsmittel (Inhalantien): z.B.: Benzin, Chloroform -> Dämpfe werden aus Tüten ge-schnüffelt -> 4 Phasen:
1.) Übelkeit und Kopfdruck
2.) Rauschgefühl mit Wohlbehagen
3.) Übergang zu Tagträumen mit Größenideen
4.) Bewusstlosigkeit
Bei Jugendlichen sehr beliebt, da billig, leicht konsumierbar und legal erhältlich. Gefahr von Organ-schäden -> Lösungsmittel sind lebertoxisch und können zur Lähmung des Atemzentrums führen.
Beruhigungsmittel: Sedativa und Hypnotika führen zu Entspannung und Schläfrigkeit, in niedrigen Dosen wirken sie sedierend, in höheren Dosen schlafanstoßend. Hauptsubstanzen sind Benzodiaze-pine und Barbiturate. Beide können eine Toleranzbildung bewirken, bei abruptem Absetzen können Entzugssymptome auftreten.
Opioide: Opium ist ein Extrakt des Schlafmohns (Papaver somniferum), Heroin ist ein Derivat von Morphin, das durch Hinzufügen von zwei Acetylgruppen zu diesem entsteht. Durch die Fettlöslichkeit bedingt, tritt es enorm schnell in das Gehirn über, was das charakteristische Euphoriegefühl bewirkt.
Einnahmeform: Rauchen, Schnupfen, die effektivste ist jedoch die intravenöse
Wirkung:
- Aufhebung der Schmerzempfindung
- Euphorie mit anfangs subjektiv stark erlebtem Glücksgefühl
- Danach Gefühl emotionaler Distanz
- Wachträume
- Dämpfung des Atem- und Hustenzentrums
- Initial Brechreiz
- Stecknadelkopfgroße Pupillen (Miosis)
- Verkrampfung vieler Muskeln im Magen-Darm-Trakt
- Einschränkung der Schweiß- und Tränendrüsensekretion
- Bei Überdosierung Gefahr der Atemlähmung und Kreislaufschock

6. Substanzinduzierte Störungen: Alkoholismus
Im DSM-IV findet sich die Kategorie der „Substanzinduzierten Störungen“; im ICD-10 wird von „Psy-chischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen“ gesprochen.
Alkohol ist eine Substanz, die sich dämpfend auf das ZNS auswirkt, die Aktivitäten des Nervensystems werden verlangsamt, und bei ausreichender Dosierung kommt es zur Spannungslösung und Ent-hemmung. Die Konzentration, die motorische Funktionstüchtigkeit und die Urteilsfähigkeit werden entsprechend beeinträchtigt.
Unterschiedliche Typen hinsichtlich des Alkoholkonsums:
(I) Nichttrinker
(II) Trinker (Alkoholkonsumenten)
(a) gelegentlich Trinkende
(b) gelegentlich exzessiv Trinkende
(III) Alkoholiker
(a) Nichtsüchtige (= Alkoholmissbraucher)
(1) Alpha-Alkoholiker (-> Vorform von Gamma-Alkoholiker)
(2) Beta-Alkoholiker (-> Vorform von Delta-Alkoholiker)
(b) Süchtige (= Alkoholkranke)
(1) Gamma-Alkoholiker
(2) Delta-Alkoholiker
(3) Epsilon-Alkoholiker (neigt zu Alkoholexzessen)
Ursachenmodell der Alkoholabhängigkeit:





Die Menge des Alkohols hat in Hinblick auf die Körpergröße, die Verträglichkeit und die Langzeit-schäden eine wichtige Bedeutung. Das Ausmaß der Wirkung des Alkohols auf den Stoffwechsel misst man an seiner Konzentration im Blut. Der entsprechende Alkoholspiegel wirkt sich bei einer an Kör-pergewicht schweren Person geringer aus als bei einer leichteren Person -> größeres Blutvolumen.
Das Geschlecht zeigt einen Einfluss auf die Verträglichkeit der Alkoholmenge -> Frauen vertragen weniger Alkohol als Männer und erreichen mit 20g Alkohol täglich die kritische Grenze, Männer bei 60g.
Alkohol kann auch hinsichtlich der Funktion missbraucht werden -> z.B. zur Verbesserung der Stim-mung oder zur Reduzierung von Hemmungen. Hier besteht die Gefahr, das Bewältigungsverhalten an das Suchtmittel zu binden und damit einen Lernvorgang zu initiieren.
Alkohol hat mittel- und langfristig gesehen eine schädigende Wirkung auf neurokognitive Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration, was sich schließlich auch auf die Kritikfähigkeit der betroffenen Personen auswirkt. Leber- und Herzfunktion werden ebenfalls deutlich beeinträch-tigt.
6.1. Verlaufsformen
Die 4 Verlaufsformen (-> nach Jellinek) teilen sich in die nichtsüchtigen Alkoholiker (= Alkoholmiss-braucher) und in die süchtigen Alkoholiker (= Alkoholkranke). Dabei wird der Alpha-Typ als Vorform des Gamma-Typs und der Beta-Typ als Vorform des Delta-Typs verstanden. (Der Epsilon-Typ neigt zu Alkoholexzessen.)
Grundsätzlich sind 3 Alkoholismusformen zu unterscheiden:
1.) jene Form, bei der die Funktion des Alkohols eine große Rolle spielt und die Personen den Alkohol zu einem bestimmten Zweck einsetzen (Alpha-Alkoholiker)
2.) jene Form, bei der der Alkohol als eine generelle Problemlösestrategie eingesetzt wird und es dadurch zu massiven Schädigungen kommt (Gamma Alkoholiker)
3.) die gleichmäßigen Konsumierer (Beta-Alkoholiker), der sich bei chronisch überhöhtem Kon-sum zu einem Delta-Alkoholiker entwickeln kann.
Der Gamma-Verlauf ist typisch für den angloamerikanischen Raum. Die Beta- und Delta-Typen zeigen den typischen Verlauf für Weingegenden (-> Spiegeltrinker). Im Mittelmeerraum sind nahezu keine Gamma-Typen, sondern vorwiegend Delta-Typen zu finden. Die nordischen Länder sind typisch für Alpha- und Gamma-Verlaufsformen.
Die Phasen, die den Verlauf eines Gamma-Alkoholikers charakterisieren sind die präalkoholische Phase, die Prodromalphase, die kritische Phase und die chronische Phase (-> Jellinek).
Präalkoholische Phase: Betroffene Person setzt alkoholische Getränke in falscher Weise und schließ-lich als generelle Problemlösestrategie ein. Es kommt dann meist zu einem Ansteigen der Toleranz bis jener Punkt erreicht wird, an dem der Kontrollverlust eintritt. Danach beginnt die eigentliche Ab-hängigkeit im Sinne der kritischen Phase.
Kritische Phase: Körperliche Funktionen werden durch die kontinuierliche Alkoholzufuhr geschädigt, wodurch ein paradoxes Phänomen eintritt -> der Alkohol wird demnach immer weniger gut abgebaut und die Menschen vertragen weniger Mengen der Substanz. Schließlich kommt es zur chronischen Phase.
Chronische Phase: Es treten Gedächtnisstörungen und Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit auf und insgesamt setzt ein Abbau ein. Neben der Toleranzentwicklung kommt es im Verlauf eines langjährigen Substanzmissbrauchs zu massiven Gedächtnis- und Merkfä-higkeitsstörungen (Amnesie). Bei schwerem Substanzmissbrauch kann eine Wernicke-Encephalopathie entstehen, die schließlich zum Korsakow-Syndrom führen kann.
Hohe Komorbidität besteht mit affektiven Störungen. Im Rahmen einer schwerwiegenden Alkoholin-toxikation kann es auch zu einer akuten Alkoholpsychose mit typisch psychotischen Merkmalen kommen.
6.2. Therapie
In den vergangenen Jahren wurde stets die Abstinenz als oberstes Ziel angestrebt, was zweifelsohne für die fortgeschrittenen Stadien des Abhängigkeitsprozesses eine unabdingbare Notwendigkeit für eine Unterbrechung des Suchtgeschehens und eine Besserung bzw. Stabilisierung des Zustands der Betroffenen darstellt.
Heute wird mehr auf die Funktionalität des Alkohols und das Bedingungsgefüge seiner Konsumation geachtet (weniger auf die Alkoholmenge das Hauptaugenmerk gelegt). Wichtig ist vor allem auch das Erkennen von „Problemtrinker“. In diesem Zusammenhang gibt es psychologische Erklärungsmodelle hinsichtlich des Therapieziels „kontrolliertes Trinken“ (=“soziales Trinken“; hier wird versucht, den Alkoholkonsum von bestimmten Funktionen, wie Spannungs- und Stressreduktion, zu entkoppeln und einen geänderten Trinkstil zu initiieren -> ALLERDINGS nur ein mögliches Therapieziel für nicht abhängige Problemtrinker!!).
Wichtige Bestandteile des Therapieplans sind die klinisch-psychologische Behandlung und therapeu-tische Kleingruppen sowie Einzel(psycho)therapie. Die Zielpersonen sind sowohl der Klient selbst, als auch das gesamte Familiensystem. Dem Alkoholentzug („Entgiftung“), der meist durch eine medika-mentöse Therapie unterstützt wird, folgt eine Aufarbeitung von Problemen in Zusammenarbeit mit den Angehörigen und wenn möglich dem übrigen sozialen Umfeld (Arbeitgeber, Freundeskreis).
Die Notwendigkeit und Dauer einer stationären Therapie ist variabel und liegt zwischen vier Wochen und sechs Monaten. Begleitende medikamentöse Behandlung ist häufig notwendig; einerseits ver-bessern sich die Behandlungsmöglichkeiten der Entzugserscheinungen bzw. Stimmungsschwankun-gen durch pharmakologische Substanzen, andererseits muss dem Phänomen der Suchtverschiebung dabei stets Beachtung geschenkt werden.

7. Persönlichkeitsstörungen
-> ein überdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Besonders betroffen sind dabei das Denken, die Affektivität, die Beziehungsgestaltung oder die Impulskontrolle. Die Störung beginnt meist in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter, ist tief greifend und unflexibel und führt zu Beeinträchtigungen und Leidenszuständen. Betroffene zeigen gewöhnlich wenig Krankheitseinsicht. Persönlichkeitsstörungen gelten als schwer behandelbare Störungsbilder. Die Prävalenz wird bei Erwachsenen mit 4 bis 15% angegeben.
F6 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (ICD-10)
F60 Spezifische Persönlichkeitsstörungen
F61 Kombinierte und sonstige Persönlichkeitsstörungen
F62 Andauernde Persönlichkeitsveränderungen, nicht Folge einer Schädigung oder Krankheit des Gehirns
F63 Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle
F64 Störungen der Geschlechtsidentität
F65 Störungen der Sexualpräferenz
F66 Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orien-tierung
F68 Sonstige Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F69 nicht näher bezeichnete Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
Im DSM-IV zählen die Persönlichkeitsstörungen aufgrund ihres frühen Krankheitsbeginns und der zeitlichen Konsistenz zu den Achse-II-Störungen, wie auch die intellektuelle Behinderung. DSM-IV unterscheidet zehn Persönlichkeitsstörungen und teilt sie nach deskriptiven Ähnlichkeiten in drei Gruppen:
CLUSTER-A: Sonderbare und exzentrische Verhaltensweisen
- Paranoide Persönlichkeitsstörung
- Schizoide Persönlichkeitsstörung
- Schizotypische Persönlichkeitsstörung
CLUSTER-B: Dramatisches, emotionales und launenhaftes Verhalten
- Antisoziale Persönlichkeitsstörung
- Borderline Persönlichkeitsstörung
- Histrionische Persönlichkeitsstörung
- Narzisstische Persönlichkeitsstörung
CLUSTER-C: Ängstliches und furchtsames Verhalten
- Vermeidend-Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
- Dependente Persönlichkeitsstörung
- Zwanghafte Persönlichkeitsstörung
Prävalenz der Persönlichkeitsstörung
- Paranoide PS: 0,5-2,5% (mehr Männer)
- Schizotypische PS: ~3% (mehr Männer)
- Antisoziale PS: 1,5-3,5% (Männer:Frauen=3:1)
- Borderline PS: 2% (75% Frauen)
- Histrionische PS: 2-3% (Männer:Frauen=1:2)
- Narzisstische PS: ~1% (50-75% Männer)
- Selbstunsichere PS: 0,5-1% (Männer:Frauen=1:1)
- Zwanghafte PS: 1-1,7% (Männer:Frauen=2:1)
7.1. Paranoide Persönlichkeitsstörung
7.1.1. Diagnostische Merkmale
- Tief greifendes Misstrauen gegenüber anderen Menschen, deren Motive als böswillig ausge-legt wurden und von denen nur Schlechtes erwartet wird.
- Betroffene sind der Meinung, dass andere Menschen sie ausbeuten und schädigen wollen
- Haben das Gefühl, dass andere sich gegen sie verschwören und von diesen Personen auch at-tackiert und verletzt werden
- Der Umgebung wird eine feindselige Absicht unterstellt.
- Betroffene vertrauen sich anderen Personen nur selten an
- Suchen nur selten Kontakt zu ihrer Umgebung
- Empfundene Kränkungen und Verletzungen werden nicht vergessen und arten sogar in schwere Feindseligkeiten aus
- Betroffene wirken oft rigide und haben das Bedürfnis ihre Mitmenschen zu kontrollieren
- Hohe Komorbidität mit schweren depressiven Episoden und Alkohol- und anderem Sub-stanzmissbrauch.
- Paranoide PS kann auch Vorläufer einer Wahnhaften Störung oder Schizophrenie sein
7.2. Schizoide Persönlichkeitsstörung
7.2.1. Diagnostische Merkmale
- Verhalten sich sozialen Beziehungen gegenüber sehr zurückhaltend
- in der Bandbreite ihres Gefühlsausdrucks in zwischenmenschl. Situationen eingeschränkt
- Scheinen aus möglichen Beziehungen zu anderen Menschen keine Befriedigung zu ziehen und wirken dem gegenüber gleichgültig
- Gelten als Einzelgänger
- Verbringen ihre Zeit lieber alleine, als in Gesellschaft
- Zeigen wenig Freude an sinnlichen, körperlichen und zwischenmenschlichen Kontakten
- Wenig Interesse an sexuellen Aktivitäten
- Wenige bis gar keine engen Freunde
- Was andere über sie denken, scheint ihnen gleichgültig zu sein
- Emotionale Reaktivität ist vermindert und wirkt starr
- Eingeengter Affekt
- Schwierigkeiten, Gefühle jeglicher Art zu empfinden und zum Ausdruck zu bringen
- Deutlicher Mangel an sozialen Fertigkeiten
7.3. Schizotypische Persönlichkeitsstörung
7.3.1. Diagnostische Merkmale
Entstand aufgrund der Ergebnisse dänischer Untersuchungen, in denen festgestellt wurde, dass Kin-der von Eltern mit einer Schizophrenie entweder selbst eine Schizophrenie oder eine der Schizophre-nie ähnliche Störung entwickelten, welche dann als Schizotypische PS aufgefasst wurde.
- Tief greifende soziale und zwischenmenschliche Defizite
- Massives Unbehagen
- Unfähigkeit menschlichen Beziehungen gegenüber
- Wahrnehmung und kognitive Fertigkeiten sind stark beeinträchtigt
- Verhalten der Personen ist eigentümlich und bizarr
- Besonders häufig treten Beziehungsideen auf (vom Beziehungswahn unterscheiden!!)
- Neigen zu „magischem Denken“
- Glauben, bestimmte übernatürliche Kräfte zu besitzen oder die Gedanken anderer Menschen lesen bzw. beeinflussen zu können
- Sprachl. Ausdruck weist Besonderheiten auf (z.B.: weitschweifige und vage Auflockerungen)
- Paranoide Vorstellungen
- Vermehrtes Misstrauen gegenüber der Umwelt
- Es stehen ihnen keine entsprechenden sozialen Fertigkeiten und Kommunikationsformen zur Verfügung, deshalb werden kaum zwischenmenschliche Beziehungen aufgebaut
7.4. Antisoziale Persönlichkeitsstörung
7.4.1. Diagnostische Merkmale
- Verletzung und Missachtung der Rechte anderer Menschen
- Manipulation und Täuschung anderer Personen (daher Fremdanamnese meist angebracht)
- Früher wurde dieses Verhaltensmuster als Psychopathie, Soziopathie oder auch Dissoziale PS bezeichnet
- Mindestalter: 18 Jahre
- Anzeichen eines gestörten Sozialverhaltens vor dem 15. LJ
- Person verletzt durch ihr Verhalten die in der jeweiligen Gesellschaft gültigen Regeln und Normen
- Aggressionen gegen Menschen und Tiere
- Zerstörung fremden Eigentums
- Betrug oder Diebstahl, sowie schwere Gesetzesübertretungen
- Betroffene sind auch im Erwachsenenalter nicht in der Lage sich an gesellschaftliche Normen anzupassen
- Versuchen einen Vorteil für sich selbst zu ziehen
- Verhalten sich rücksichtslos
- Bagatellisieren die schädlichen Auswirkungen ihrer Handlungen
- Übersteigerte Selbsteinschätzung
- Fehlendes Mitgefühl
- Oberflächlicher Charme
- Häufig dysphorische oder depressive Verstimmungen sowie Angststörungen, Somatisie-rungsstörungen und andere Störungen der Impulskontrolle
- Zeigen auch Persönlichkeitsmerkmale der Borderline-PS, der Histrionischen und der Narziss-tischen PS
- In der Kindheit häufig Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivitätsstörungen sowie Miss-brauchserlebnisse und Vernachlässigungen
- Prävalenz: für Männer 3%, für Frauen 1% (in klinischen Einrichtungen Schwankungsbreite zw. 3-30%)
7.5. Borderline Persönlichkeitsstörung
- Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten, welche von einer deutlichen Impulsivität geprägt sind
- Betroffene bemühen sich verzweifelt, ein drohendes Verlassenwerden zu verhindern
- Sie sind gegenüber Einflüssen aus ihrer Umwelt sehr empfindlich
- Erleben massive Ängste
- Glauben, dass das Verlassenwerden damit zusammenhängt, dass sie böse sind
- Tendieren zu Selbstverletzungen und suizidalen Handlungen
- Beziehungen folgen einem instabilen Verhaltensmuster
- Mögliche Bezugspers. werden zu Beginn idealisiert und innerhalb kürzester Zeit abgewertet
- Gefühle, die sie anderen Menschen entgegen bringen, schwanken stark und sind dramati-schen Änderungen unterworfen
- Häufig kommt es zu Zornausbrüchen und sarkastischen Handlungen
- Häufig Identitätsstörungen, die von einer instabilen Selbstwahrnehmung und einem instabi-len Selbstbild geprägt sind
- Impulsivität äußert sich durch selbstschädigende Aktivitäten (z.B.: Substanzmissbrauch, risi-koreiches Geschlechtsverhalten oder Glücksspiele)
- Selbstverletzungsverhalten ist besonders ausgeprägt und geht bis hin zu Selbstmorddrohun-gen und Suizidalhandlungen (8-10%)
- Affektivität weist eine erhöhte Instabilität auf
- Kann von einer erhöhten Erregbarkeit oder Angst bis zu schweren depressiven Episoden und Dysphorien reichen (jedoch nur einige Stunden bis Tage)
- Es wechseln sich oft dysphorische Verstimmungen mit Phasen der Wut und Angst ab und gip-feln in einem chronischen Gefühl der Leere
- Kontrolle der Emotionen fällt schwer
- Fühlen sich leicht gelangweilt und sind stets auf der Suche nach prickelnden Situationen („sensation seeking behavior“) in denen sie sich „spüren“
- Sarkastische Art -> werden daher vom Umfeld oft als zurückweisend, verbittert erlebt
- Paranoide Vorstellungen und Depersonalisationssymptome können als Folge belastender Er-lebnisse auftreten
- Betroffene berichten oft über einen körperlichen oder sexuellen Missbrauch oder frühe Ver-luste und Trennungserlebnisse in der Kindheit
- Prävalenzrate in der Allgemeinbevölkerung bei 2%
7.6. Histrionische Persönlichkeitsstörung
7.6.1. Diagnostische Merkmale
- „Hysterische Persönlichkeit“ -> wurde von Freud geprägt
- tief greifende übertriebene Emotionalität
- übermäßiges Streben nach Aufmerksamkeit
- wollen ständig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen (reagieren verärgert, wenn dies nicht der Fall ist)
- versuchen Bewunderung durch dramatische Aktionen, Enthusiasmus und Koketterie zu er-langen
- sexuelles Verhalten oft angepasst provokant und verführerisch (wird meist in sozialen und beruflichen Beziehungen eingesetzt)
- körperliche Erscheinung ist den Betroffenen besonders wichtig
- übertriebener Gesichtsausdruck
- neigen dazu sich selbst zu dramatisieren
- Gefühle werden übertrieben und öffentlich zur Schau gestellt
- Dargestellte Emotionen wirken häufig unecht und vorgetäuscht
- Fallen schnell von einer Gefühlsdimension in die andere
- Leicht zu beeinflussen
- Sehen zwischenmenschl. Beziehungen wesentlich persönlicher als sie es in Wirklichkeit sind
- Schwierigkeiten in emotionalen oder sex. Beziehungen echte emotionale Tiefe zu empfinden
- Versuchen Partner durch emotionale Verführung zu kontrollieren und manipulieren
- Bei 2-3% der erwachsenen Bevölkerung können Hinweise auf eine Histrionische PS gefunden werden (Frauen:Männer=2:1)
7.7. Narzisstische Persönlichkeitsstörung
7.7.1. Diagnostische Merkmale
- Gefühl der Großartigkeit
- Bedürfnis nach Bewunderung
- Mangel an Einfühlungsvermögen
- Betroffene nehmen sich selbst in einem übertriebenen Maße wichtig
- Neigen zu einer regelmäßigen Selbstüberschätzung
- Phantasien ranken sich um Macht, Erfolg und ideale Liebe
- Sehen sich selbst als einzigartig und erwarten diese Sichtweise auch von ihrer Umgebung
- Erhalten Betroffene nicht die entsprechende Bewunderung, beginnt ihr Selbstbewusstsein zu bröckeln und sie werden unsicher
- Erwarten sich eine bevorzugte Behandlung -> sind verwundert, wenn diese ausbleibt
- Verhalten sich oft unsensibel
- Oft neidisch auf den Erfolg oder Besitz anderer Personen
- Wirken in ihrem Verhalten oft arrogant und überheblich
- Legen eine snobistische, verächtliche und herablassende Haltung an den Tag
- Reagieren auf Kritik und Niederlagen äußerst verletzlich und erleben dies als massive Ernied-rigung und Degradierung -> Folge: Gefühle der Scham und Demütigung, was bis zum gesell-schaftlichen Rückzug und depressiven Episoden führen kann.
7.8. Vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
7.81. Diagnostische Merkmale
- Tief greifende Muster von sozialer Gehemmtheit, Überempfindlichkeit und von Insuffizienz-gefühlen gegenüber negativen Beurteilungen der Umgebung
- Andauernde Angst vor Zurückweisungen und Kritik
- Angst vor neuen Freundschaften
- Gruppenaktivitäten werden gemieden, aufgrund der Angst, lächerlich gemacht zu werden
- Meist eine verminderte Wahrnehmungsschwelle für neg. Verhalten der Person gegenüber
- Fühlen sich von jeder kleinsten Kritik verletzt
- Verhalten sich still, schüchtern und gehemmt
- Geringe Selbstachtung
- Zweifeln an ihrer sozialen Kompetenz
- Empfinden sich als unattraktiv, unterlegen und unbeholfen
- Bedürfnis nach Sicherheit überwiegt
- Prävalenz: 0,5-1%
7.9. Dependente Persönlichkeitsstörung
7.9.1. Diagnostische Merkmale
- Überstarkes Bedürfnis nach Fürsorge
- Anklammerndes Verhalten und Trennungsängste
- Glauben, ohne die Unterstützung anderer Personen nicht lebensfähig zu sein
- Große Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen
- Verhalten sich meist passiv
- Häufig bei jenen Menschen, die an einer schweren, chronischen Krankheit leiden
- Große Ängste vor Verlust von Zuneigung und Unterstützung
- Trauen sich nicht, ihre eigene Meinung zu vertreten
- Nahezu kein Selbstvertrauen
- Glauben, völlig unfähig zu sein und nichts wirklich zu können
- Haben erhebliche Angst vor Trennungen und begeben sich deshalb nahezu um jeden Preis in den Schutz einer anderen Person
- Soziale Beziehungen sind auf einige wenige Personen beschränkt
- Affektive Störungen, Angststörungen und Anpassungsstörungen treten häufig gemeinsam mit der Dependenten PS auf
- Enge Anbindung an Borderline-PS, Vermeidend-Selbstunsichere und Histrionische PS
7.10. Zwanghafte Persönlichkeitsstörung
7.10.1. Diagnostische Merkmale
- Beschäftigen sich übermäßig stark mit der Ordnung und Perfektion von Handlungen und Si-tuationen, versuchen damit, Kontrolle über ihre Umgebung zu erlangen
- Um Kontrollbedürfnis zu befriedigen, klammern sie sich an Regeln und Formalismen -> da-durch verlieren sie die eigentliche Aktivität aus den Augen
- Übertriebene Sorgsamkeit
- Legen auf winzigste Details unverhältnismäßig viel Wert
- Hohe, selbst auferlegte Leistungsansprüche
- Perfektionismus
- Zersplitterung in viele Details, daher gelangen sie nie an das Ende einer Gesamtarbeit
- Widmen sich haupts. ihrer Arbeit -> daher kaum Freundschaften oder Freizeitaktivitäten
- Hinsichtlich Moral und Wertvorstellungen äußerst unflexibel und rigide
- Allgemein gültige Prinzipien sind strikt einzuhalten
- Selbst gemachte Fehler werden als schwerste Vergehen empfunden
- Können sich nicht von Dingen trennen
- Werden von ihrer Umgebung als geizig beschrieben
- Keiner kann es ihnen recht machen
7.11. Ätiologie von Persönlichkeitsstörungen
Psychodynamische Theorien: Es wird angenommen, dass nahezu allen PS Zurückweisungen und Lie-besmangel in der frühen Kindheit zugrunde liegen.
Paranoide PS -> Durch Entbehrung entsteht ein grundlegendes und übermäßiges Misstrauen
Schizoide PS -> extremer sozialer Rückzug wird als Reaktion auf ein unbefriedigtes Grundbedürfnis nach menschlichem Kontakt beschrieben.
Antisoziale PS -> konnten aufgrund der mangelnden elterlichen Zuneigung nie das nötige Urvertrau-en entwickeln
Borderline-PS -> mangelnde elterliche Akzeptanz führt zunächst zu einem Verlust des Selbstwertge-fühls, was sich in einer erhöhten Abhängigkeit von den Eltern und schließlich in einer verminderten Fähigkeit, Trennungen zu bewältigen, zeigt.
Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze: Bei der Dependenten PS werden die Ursachen in den ausgeprägten angepassten Überzeugungen und im dichotomen Denken gesehen. Unlogische Denk-prozesse tragen auch zum Bestehen der Zwanghaften PS bei. Wieder steht das dichotome Denken im Vordergrund, das zu Perfektionismus und Rigidität führt und durch Übertreibungen oft in einem Ka-tastrophendenken mündet.
7.12. Therapie von Persönlichkeitsstörungen
Basis der Tiefenpsychologischen Konzepte bildet die Objekt-Beziehungs-Psychotherapie, in der die Entwicklung des Selbst und der Beziehung zu anderen unter Einbeziehung von Phantasien und Emo-tionen, die einen zwischenmenschlichen Kontakt beeinflussen, gefördert wird.
Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie sind die systematische Desensibilisierung (Meinungs-verschiedenheiten besser ertragen lernen), das durch Gruppen unterstützte Training sozialer Fertig-keiten und die Analyse logischer Denkfehler und Schemata, wie dies in der Kognitiven Therapie von Beck durchgeführt wird.
Die Dialektische Verhaltenstherapie (Linehan) fordert das volle Verständnis des Therapeuten für die Borderline-Persönlichkeit. Die Neigungen des Patienten sollen zum Ausdruck gebracht und ausagiert werden können. Schließlich geht es darum, die zwischenmenschlichen Fertigkeiten zu verbessern (z.B.: Selbstsicherheitstraining).

8. Schizophrenie
- Wird zu den psychotischen Störungen gezählt
- Persönliche, berufliche und soziale Rollenerfüllung verschlechtert sich
- Chaos aus verzerrten Wahrnehmungen, gestörten Denkprozessen, abweichenden emotiona-len Zuständen und motorische Auffälligkeiten
- Verlust des Bezugs zur Realität
- Massive Schwierigkeiten auf Umweltreize entspr. zu reagieren und diese zu verarbeiten
- Verschiedene Ausprägungen von Denkstörungen
- Störungen der Affektivität
- Einschränkung der Kommunikations- und Leistungsfähigkeit
- Nicht mehr möglich, sich Alltagssituationen anzupassen
- Nicht mehr in der Lage, ihre sozialen Rollen zu erfüllen
- Soziale Isolierung (ziehen sich in ihre eigene Welt zurück)
Krankheit Schizophrenie schon lange bekannt -> Ende des 19. Jhdt. wurde von Emil Kraepelin der Ausdruck dementia praecox verwendet (gravierender, vorzeitiger, intellektueller Abbau) -> Eugen Bleuler prägte am Beginn des vorigen Jhdt. den Begriff „Schizophrenie“ (= Geistesspaltung; von Spal-tung der Persönlichkeit unbedingt abzugrenzen!!!)
Sowohl Symptome in der akuten Phase als auch Ursache, Prognose und Verlauf variieren von Patient zu Patient relativ stark (-> multifaktorielle Genese). Deshalb spricht man in der klinischen Praxis eher von Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis.
ICD-10 DSM-IV
F20 Schizophrenie 295 Schizophrenie
F21 Schizotype Störung 301.22 Schizotypische Persönlichkeitsstörung
F22 Anhaltend wahnhafte Störung 297.1 Wahnhafte Störungen
F23 Akute vorübergehende psychotische Störung
F24 Induzierte wahnhafte Störung
F25 Schizoaffektive Störungen 295.70 Schizoaffektive Störung
8.1. Diagnostische Merkmale
- Aufmerksamkeit und Konzentration
- Wahrnehmung
- Schlussfolgerndes Denken
- Gedächtnis
- Sprache und Kommunikation
- Fähigkeit, Gefühle situationsentsprechend zum Ausdruck zu bringen bzw. diese richtig zu in-terpretieren
Symptome können in 3 Kategorien eingeteilt werden:
1.) Positive Symptome: -> Übermaß an normalen Funktionen (=pathologischer Überschuss).
Typ I – Schizophrenie beim Vorherrschen positiver Symptome!
⇒ Wahnphänomene
⇒ Halluzinationen
⇒ Desorganisierte Sprachäußerungen
⇒ Desorganisiertes oder katatones Verhalten (vor allem in der akuten Phase)
2.) Negative Symptome: -> Verminderung oder Verlust normaler Funktionen (=pathologisches Defizit).
Typ II – Schizophrenie, beim Vorherrschen negativer Symptome!
⇒ Einschränkungen im Gefühlsausdruck (Affektverflachung)
⇒ Einschränkungen der Sprachproduktivität (Alogie)
⇒ Beeinträchtigung zielgerichteter Verhaltensweisen (Willensschwäche)
3.) Psychomotorische Symptome: -> Katatonie (Stupor, Rigidität, Haltungsstereotypien, wäch-serne Biegsamkeit, Erregung)
⇒ Verlust der Bewegungsspontaneität
⇒ Entwicklung bizarrer Manierismen in Mimik und Gestik
8.1.1. Positive Symptome
Wahnvorstellungen: häufigste Symptome; diese sind Störungen des Denkinhalts, die sich auf be-stimmte Ideen und Vorstellungen beziehen, von denen die Betroffenen zutiefst überzeugt sind; häu-fig Beziehungswahn, Verfolgungswahn und Größenwahn
Formale Denkstörungen: äußern sich in desorganisiertem Denken und Sprechen, weise eine geloc-kerte Assoziation und Zerfahrenheit im Denken auf, erreichen dadurch häufig ihr Denkziel nicht; sie bilden Neologismen (Wortneuschöpfungen) und tendieren zu Perseverationen (Wiederholungen) und Alliterationen (Reimbildung).
Halluzinationen: können sämtliche Sinnesmodalitäten betreffen, am Häufigsten jedoch akustische Halluzinationen. Betroffene nehmen fremde oder vertraute Stimmen wahr, die meist eine bedrohli-che Wirkung haben, diese können sowohl in dialogischer, als auch in kommentierender Form vor-kommen. Sehr häufig werden diese Halluzinationen als ich-dyston (ich-fremd) wahrgenommen.
8.1.2. Negative Symptome
Spracharmut: (=Alogie) zeigt sich in einer reduzierten Produktivität und Flüssigkeit der Sprache; das Gefühl, als würden ihnen ihre Gedanken plötzlich nicht mehr zugänglich sein (=Gedankensperrungen) oder entzogen werden; Sprache ist zerfahren und gleicht oft einem sinnlosen Wortsalat.
Verflachter Affekt: Gesichtsausdruck ist starr, die Stimme monoton und die Kontaktaufnahme zu anderen Personen deutlich vermindert; kaum bis gar nicht vorhandener Blickkontakt.
Willensschwäche: Betroffene zeigen eine Unfähigkeit, zielgerichtete Aktivitäten zu beginnen und durchzuhalten; Energie- und Interesselosigkeit; haben Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen.
Gestörte Beziehungen zur Außenwelt: ziehen sich von ihrer Umwelt zurück und leben nur noch in ihrer eigenen Realität.
8.1.3. Subtypen
Kraepelin unterschied 3 Formen der Schizophrenie: die hebephrene, die katatone und die paranoide.
Im DSM-IV werden 5 Kategorien unterschieden (orientieren sich am Verhalten der Typen):
- Paranoider Typus
- Desorganisierter Typus
- Katatoner Typus
- Undifferenzierter Typus
- Residualer Typus
Die Subtypenzuordnung erfolgt aufgrund der vorherrschenden Symptomatik innerhalb der Untersu-chungssituation und beruht auf dem momentanen klinischen Bild.
8.2. Verlauf und Prognose
- Verlauf sehr unterschiedlich
- Beginn meist zwischen 2. und 4. Lebensjahrzehnt
- Einsetzen bei Männern im Durchschnitt früher
- 3 Phasen der Erkrankung (Promodalphase, floride Phase und Residualphase)
Promodalphase: Es kommt zum allmählichen Absinken der allgemeinen Leistungsfähigkeit und zum Interessensverlust; Betroffene ziehen sich sozial zurück; vernachlässigen sich selbst; zeigen einen zunehmend unangemessenen Affekt; Schwierigkeiten in der Konzentrationsfähigkeit.
Floride Phase: Vor allem positive Symptome im Vordergrund; sprechen auf die Behandlung mit Psy-chopharmaka besonders gut an und klingen daher relativ rasch wieder ab.
Residualphase: Es bleiben oft negative Symptome zurück; diese führen zu einer ständigen Beein-trächtigung; prämorbides Leistungsniveau kann sehr häufig nicht wieder erreicht werden; Person ist nicht mehr in der Lage, ihre sozialen Rollen zu erfüllen.
Schätzungen zufolge liegt die Prävalenz zwischen 0,2% und 2%. Die Lebenszeitprävalenz wird mit 0,5% bis 1% angegeben (Männer und Frauen haben dasselbe Risiko). Inzidenz liegt bei 10:100.000, wobei die Inzidenzraten über verschiedene Regionen, Zeitperioden und Geschlechter konstant sind.
Hinsichtlich verschiedener sozialer Schichten lässt sich bezüglich Jahresprävalenz ein leichtes Absin-ken in Richtung Oberschicht feststellen.
8.3. Differentialdiagnostik
- Möglichkeit eines somatischen Krankheitsfaktors ist abzuklären (z.B.: Delir, Demenz)
- Substanzinduzierte psychotische Störungen müssen unterschieden werden (z.B.: Droge, Medikament, Toxine)
- Affektive Störung mit psychotischen Merkmalen ist zu diagnostizieren, wenn psychotische Symptome ausschließlich während der Phase eines affektiven Störungsbildes vorhanden sind.
- Schizoaffektive Störung ist zu diagnostizieren, wenn floride psychotische Symptome im Rahmen einer affektiven Episode auftreten und die affektiven Symptome über eine beträcht-liche Zeit der Erkrankung vorhanden sind.
- Schizophreniforme Störung unterscheidet sich durch die Dauer und das Vorhandensein der Symptome, diese müssen bei dieser Störung mind. 1 Monat, aber weniger als 6 Monate vor-handen sein.
- Kurze psychotische Störung ist durch Halluzinationen, Wahnphänomene und desorganisierte Sprache gekennzeichnet und kann sich von mind. einem Tag bis zu der Dauer von einem Mo-nat erstrecken.
8.4. Ätiologie der Schizophrenie
-> bio-psycho-soziales Modell!










8.4.1. Biologische Theorien
Genetische Faktoren
Dem Diathese-Stress-Modell folgend kommt es zur Ausbildung der Störung, wenn eine genetische Vulnerabilität vorhanden ist und extreme Belastungen in der frühen Adoleszenz bestehen. Für Ver-wandte ersten Grades konnte ein erhöhtes Risiko an Schizophrenie zu erkranken (Erkrankungsrisiko 10%) festgestellt werden. In der Allgemeinbevölkerung liegt das Risiko bei 1%, für Nachkommen zweier Eltern, die an Schizophrenie erkrankt sind, besteht ein Risiko von 46%-48%. Adoptivkinder entwickeln eher eine schizophreniforme Störung, wenn ihre leiblichen Eltern an einer Schizophrenie erkrankt waren (Zusammenhang mit Adoptiveltern konnte nicht festgestellt werden).
Biochemische Faktoren
Die Dopaminhypothese besagt, dass bei Menschen mit einer Schizophrenie der Neurotransmitter Dopamin im Übermaß vorhanden ist. Bestimmte Neurone setzen zu viel Dopamin frei, wodurch es zur Übertragung zu vieler Botschaften kommt und die Symptome einer Schizophrenie entstehen. Post-mortem-Untersuchungen an Gehirnen schizophrener Patienten zeigten, dass mehr Dopaminre-zeptoren vorhanden waren, als bei nicht schizophrenen Personen; dies kann eine Ursache für die synaptische Überaktivierung darstellen. In neueren Studien wurde der Zusammenhang mit einem weiteren Neurotransmitter -> Serotonin festgestellt.
Abnorme Hirnstrukturen
Befunde gehen dahin, dass bei schizophrenen Patienten vergrößerte Hirnventrikel gefunden wurden, welche in Zusammenhang mit mehr negativen Symptomen, beträchtlichen kognitiven Dysfunktionen und einer schlechteren Ansprache auf herkömmliche Antipsychotika stehen. Weiters konnte eine verminderte Durchblutung des Frontallappens, sowie eine unregelmäßige Durchblutung der Sprach-zentren der linken Hemisphäre festgestellt werden.
8.4.2. Psychologische Theorien
Psychodynamische Faktoren
Nach Freud basiert die Entwicklung der Schizophrenie auf einem zweistufigen Prozess. Betroffene Personen regredieren auf die früheste Stufe ihrer Entwicklung (Zustand des primären Narzissmus). Diese vollständige Regression führt zu „idiosynkratischen“ Symptomen wie Größenwahn, gelockerten Assoziation en und Neologismen. Dabei kommt es immer wieder zu Versuchen einer Wiederherstel-lung der Ich-Kontrolle und des Realitätsbezugs, wodurch weitere Symptome wie Gehörhalluzinatio-nen auftreten.
Kognitiv-lerntheoretische Faktoren
Betroffene lernen nicht, auf soziale Hinweisreize adäquat zu reagieren. Sie erhalten von ihrer Umwelt nicht die nötigen Verstärkungen (operantes Konditionieren). In der Folge beachten sie andere irrele-vante Reize und reagieren auf diese in unangemessener und bizarrer Art und Weise. Aufgrund der biologischen Dysfunktionen kommt es zur Entwicklung psychotischer Symptome, die als ungewöhn-lich erlebt und nicht verstanden werden. Die Rückmeldungen der Umwelt werden als ambivalent wahrgenommen und die Patienten entwickeln eigene Überzeugungen und Erklärungen (Wahnphä-nomene). Ein beeinträchtigter Filtermechanismus im Bereich der Informationsverarbeitung verhin-dert die Differenzierung von Wesentlichem und Unwesentlichem.
Familientheoretische Faktoren
Double-Bind-Hypothese -> Beschreibung einer auffälligen Interaktion und Kommunikation innerhalb einer Familie. Doppelbotschaften sind durch folgende 3 Aspekte gekennzeichnet:
1.) Die Betroffenen haben eine äußerst intensive Beziehung zu einer Bezugsperson und wollen die Mitteilungen dieser Person genau verstehen, um angemessen darauf reagieren zu kön-nen.
2.) Die Bezugsperson übermittelt in einer Aussage zwei widersprüchliche Botschaften (ver-bal/nonverbal).
3.) Die betroffene Person ist verwirrt und fühlt sich der Situation ausgeliefert. Sie kann die Wi-dersprüche weder integrieren, noch die Botschaften ignorieren oder sich aus der Situation zurückziehen.
Eltern schizophrener Patienten zeigen mehr Konflikte und größere Kommunikationsschwierigkeiten, und sie haben ihren Kindern gegenüber eine kritischere und emotional verstricktere Haltung (expres-sed emotions, Feindseligkeit).


3-Phasen-Modell von Ciompi
















8.5. Therapie der Schizophrenie
- Lange Zeit Hospitalisierung -> mit der Folge eines verschlechterten Zustandsbilds (extremer sozialer Rückzug, völliger Interessensverlust, zunehmende Aggressivität)
- 30er Jahre: Psychochirurgie (präfrontale Lobektomie) und Elektrokrampftherapie (EKT) einzi-gen Behandlungsmöglichkeiten
- Heute wird versucht, die Betroffenen, so weit als möglich außerhalb stationärer Einrichtun-gen in ambulanter Betreuung oder in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen zu integrieren
8.5.1. Antipsychotische Medikation
Entdeckung der antipsychotischen Medikamente zu Beginn der 1950er Jahre -> Phenothiazine, eine Gruppe der Antihistamine, erzeugen eine beruhigende und entspannende Wirkung. Besonders das Chlorpromazin bewirkte eine Schläfrigkeit und Gleichgültigkeit bei Patienten, ohne wesentliche Be-einträchtigungen der intellektuellen Fähigkeiten, aber einem deutlichen Rückgang der pathologi-schen Symptomatik. Damit kam es zur Einführung der Neuroleptika.
Antipsychotische Medikamente zeigen ihre Wirkung vor allem hinsichtlich der positiven Symptome, wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen und akute Denkstörungen. Die negativen Symptome, wie Affektverflachung und Spracharmut sind wesentlich schwieriger zu behandeln.
Folgenden Nebenwirkungen können auftreten:
- Parkinson-ähnliches Syndrom (Muskeltremor, Rigor)
- Dystonien (unwillkürliche Muskelkontraktionen im Gesichts- und Rumpfbereich)
- Akathisien (motorische Unruhe)
- Spätdyskinesien (unwillkürlich ticähnliche Bewegungen des Mundes – wie Saugen, Schmat-zen – sowie der Arme und Beine)
Eines der heute am häufigsten verwendeten Medikamente ist das Clozapin (im deutschen Sprach-raum Leponex). Es zählt zu den atypischen Neuroleptika, weil es sich von den herkömmlichen Medi-kamenten hinsichtlich der biologischen Wirksamkeit unterscheidet. Es kommt zu einer höheren Wirksamkeit und weniger extrapyramidale Effekte; Veränderung des Blutbildes ist sehr wahrschein-lich. Vielversprechend sind auch die Substanzen Risperidon und Remoxiprid.
Eine Heilung im herkömmlichen Sinn ist allerdings nicht möglich, es kommt immer wieder zu kurzen stationären Krankenhausaufenthalten („Drehtürpsychiatrie“).
8.5.2. Lerntheoretische Interventionsmaßnahmen
Die systematische Anwendung vor allem operanter Methoden zeigte eine positive Beeinflussung. Mit der Technik der unmittelbaren Belohnungen von erwünschtem Verhalten erfolgt anhand von Stufen-programmen der Aufbau sozialer Fertigkeiten und damit die soziale Anpassung an die Umgebung der Betroffenen. Weiters werden zur Stabilisierung des Zustandes kognitives Training und emotionale Unterstützung angeboten.
8.5.3. Sozialpsychologische Ansätze
Sozialtherapie: Betroffene haben Schwierigkeiten mit der sozialen Anpassung. Psychologen, Ergothe-rapeuten und Sozialpsychiater bemühen sich um den Aufbau sozialer Fertigkeiten und Problemlöse-fähigkeiten. Selbstmanagement der Patienten steht im Mittelpunkt dieser Unterstützungsform.
Familientherapie: Das Ziel ist eine Verminderung der emotionalen Intensität innerhalb einer Familie durch die Anleitung und Aufklärung der Angehörigen (-> Psychoedukation). Es werden neue Kommu-nikationsformen geübt, um verwirrende Situationen klarzustellen und dadurch Schuldgefühle zu re-duzieren. Das Konzept der „expressed emotions“ (-> kritische und/oder feindselige Äußerungen dem Betroffenen gegenüber oder eine allzu emotionale Bindung an ihn) verdeutlicht den großen Einfluss, den die Umgebung darauf hat, ob und wie schnell es zu einem Rückfall kommt.
Gemeindenahe Versorgung: Seit der Deinstitutionalisierung in den 1950er und 1960er Jahren ent-standen eine Reihe von gemeindenahen psychiatrischen Behandlungszentren, oder auch teilstationä-re Einrichtungen, wie Tageskliniken, welche Therapiemaßnahmen zur sozialen Rehabilitation bieten. Um die berufliche Rehabilitation zu fördern, wurden geschützte Werkstätten gegründet, in denen eine Arbeit ohne Leistungsdruck möglich ist.

9. Neuropsychologische Störungen
9.1. Definition
-> darunter werden zerebral bedingte Verhaltensstörungen und Verhaltensabweichungen unter-schiedlichster Art zusammengefasst, die eine direkte oder indirekte Folge von strukturellen oder funktionellen Hirnveränderungen darstellen.
9.2. Ätiologie
3 Verursachungsbedingungen:
1.) Neuropsychologische Störungen können im engeren Sinne bedingt sein durch Erkrankungen und Verletzungen, die das Gehirn direkt betreffen
2.) Sie können bedingt sein durch allgemein-medizinische Erkrankungen, in deren Folge Beein-trächtigungen der Hirnfunktionen auftreten können
3.) Sie können verursacht werden durch medizinische Behandlungsmaßnahmen, die sich auf verschiedene Hirnprozesse auswirken.
„Noxenunspezifität“ -> auftretende Symptome lassen keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Verur-sachung der Störung zu.
9.2.1. Hirnerkrankungen und Hirnverletzungen
- Traumatische Hirnschädigungen: Durch äußere Gewalteinwirkung auf das Gehirn, wobei als Folgen primär Drücken und Zerren der Nervenfasern, sekundär Hirnschwellungen, Ödeme, Druckerhöhungen und Blutungen sowie tertiär Ventrikelerweiterungen und posttraumati-sche Epilepsien auftreten können.
- Zerebrovaskuläre Störungen (Durchblutungsstörungen): aufgrund zerebraler Gefäßinsulte, bedingt durch eine Mangeldurchblutung oder eine Massenblutung bestimmter Hirngebiete, die im ausgeprägten Zustand mit Gewebsnekrosen einhergehen. Die Verursachungsbedin-gungen sind multifaktoriell; v.a. bedingt durch ungenügende Förderleistung des Herzens, Hy-pertonie, Hypotonie, Gefäßwandverengungen, usw.
- Intrakranielle Tumore (Gewebsneubildungen): Die in den verschiedensten Hirngewebsarten (Nervengewebe, Blutgefäße, Stützgewebe, Hirnhäute usw.) und Hirnstrukturen (Cortex, Kleinhirn, Hirnstamm) entstehen und sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit fortentwic-keln können.
- Intrakranielle Infektionen: Die entweder die Hirnhäute (Meningitis) oder das Gehirn selbst (Enzephalitis) betreffen und durch Bakterien, Viren oder Pilze hervorgerufen werden können. Neben Epidemien können fast alle Infektionskrankheiten zu intrakraniellen Infektionen füh-ren (Keuchhusten, Masern, Röteln, Nebenhöhlenentzündungen, Herpes simplex, Syphilis, usw.)
- Intoxikation durch Alkohol, Drogen und Inhalantien: Bedingt eine Verlangsamung der In-formationsverarbeitungsgeschwindigkeit und Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörung, eine Verlangsamung der Nervenleitungen, Demyelinisierungen und Degenerationen von Ner-venfasern, Suppression der Dopaminaktivität und Degeneration dopaminrelevanter Hirn-strukturen, Ventrikelerweiterungen und ausgeprägte Atrophien der kortikalen und subkorti-kalen Strukturen. Insbesondere Abhängigkeitserkrankungen erhöhen das Risiko für zerebro-vaskuläre Störungen bedingt durch eine Verringerung der Elastizität der Blutgefäße und durch eine Erhöhung des Blutdrucks
- Degenerative Hirnerkrankungen (präsenile und senile Krankheiten): Die durch Parenchy-muntergang bzw. hirnatrophische Prozesse gekennzeichnet sind, einen progredienten Ver-lauf nehmen, mit zunehmender Demenz einhergehen und in den meisten Fällen eine heredi-täre Grundlage haben. Zu den bekanntesten Fällen degenerativer Hirnerkrankungen zählen Multiinfarktdemenz, Alzheimer‘sche Demenz, Parkinson, Chorea Huntington und Multiple Sklerose.
- Prä- und perinatale Komplikationen: Die meisten dieser Schädigungen gehen auf hypoxische Komplikationen (Sauerstoffmangel) zurück, deren neuro-pathologische Folgen Ischämien, hämorrhagische Infarkte und Gewebsnekrosen sind. Daneben kommen Faktoren wie trau-matische Geburtsschädigungen, intrauterine Infektionen, kongenitale Stoffwechselstörun-gen, Frühgeburt, Unterernährung, sowie Rauchen, Medikamenten- und Alkoholkonsum der Schwangeren eine auslösende Rolle zu.
9.2.2. Auswirkungen allgemeinmedizinischer Erkrankungen
Eine herausragende Bedeutung unter den medizinischen Krankheiten, die zu zerebralen Schädigun-gen führen können, kommt der Gruppe der kardiovaskulären oder hämolytischen Erkrankungen zu. Weitere Hinweise ergaben sich bei respiratorischen, gastrointestinalen, nephrologischen, endokrinen und metabolischen Erkrankungen.
9.2.3. Auswirkungen medizinischer Behandlungsmaßnahmen
- Pharmakobehandlung: Hinweise auf neuropsychologische Beeinträchtigungen der Aufmerk-samkeit, des Gedächtnisses und des Lernens fanden sich bei Einnahme spezifischer Antide-pressiva. Auch die langfristige Behandlung mit Lithium, Antiepileptika, Narkotika und Benzo-diazepine, Sedativa oder Hypnotika, sowie die chemotherapeutische Behandlung Krebskran-ker scheinen mit neuropsychologischen Beeinträchtigungen einherzugehen.
- Radiotherapie: Bestimmte kognitive Funktionen, einschließlich des Gedächtnisses sind infol-ge der Bestrahlung beeinträchtigt. Vor allem die Bestrahlung des Kopfes bei intrakranialen Tumoren führt bei Kindern zu Verringerungen des IQ, zu Lernbehinderungen und Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten.
- Herzoperationen: Insbesondere als Folge von hypoxischen Komplikationen und Mikroemboli, die sich bei der Sauerstoffanreicherung in der Herz-Lungen-Maschine bilden und in den fein-sten zerebralen Blutgefäßen festsetzen, kommt es bei einem hohen Prozentsatz der Patien-ten zu postoperativen psychischen und neurologischen Störungen -> reicht von geringfügigen kognitiven Beeinträchtigungen bis zu ausgeprägten deliranten Zuständen mit Bewusstseins-störungen, motorische Erregtheit, Halluzinationen und Wahnvorstellungen.
- Hämodialyse: Sie geht sehr häufig mit zerebralen Störungen und Schädigungen einher, dar-über hinaus ist bei vielen Dialysepatienten mit dem Auftreten massiver behandlungsbeding-ter neurologischer Komplikationen zu rechnen.
9.3. Epidemiologie, Nosologie und Verlauf
9.3.1. Epidemiologie
Gesamtschätzung der Inzidenz- oder Prävalenzzahlen kaum möglich. Ca. 5% der amerikanischen Be-völkerung leiden unter schweren zerebralen Störungen; Demenzen weisen einen deutlich ansteigen-den Trend auf. Allein an der Alzheimer Krankheit, die für etwa 45% der Demenzen verantwortlich ist, leiden zurzeit etwas 3,75 Millionen Menschen weltweit.
9.3.2. Nosologie
- Aphasie (Störungen des Sprachverständnisses)
- Apraxie (Beeinträchtigungen im Ausführen von erlernten zweckmäßigen Handlungen)
- Agnosie (Störungen des Erkennens)
- Amnesie (Merkfähigkeits- und Gedächtnisstörung)
- Alexie (Störung des Lesens)
- Agraphie (Verlust des Schreibvermögens)
- Akalkulie (Störungen beim Rechnen und im Umgang mit Zahlen)
- Anosmie (Riechstörung)
Allgemeine Veränderungen:
- Kognitive Beeinträchtigungen
- Gedächtnisstörungen
- Aufmerksamkeitsstörungen
- Erregung, Reizbarkeit, Aggressivität, Angst und manisch-euphorische Reaktionen (vor allem im akuten Krankheitsstadium; organisch bedingt)
Phase emotionaler und persönlichkeitsbezogener Veränderungen:
• Phase 1: Akute Veränderungen; Erregung, Reizbarkeit, Aggressivität, Angst, manisch-euphorisch Reaktionen
• Phase 2: (nach Abklingen der akuten Symptomatik) -> ausgeprägte depressive Zustände, In-troversion, Egozentrizität, Katastrophenreaktionen, emotionale Krisen, Beschämung, Reiz-barkeit, Rückzugsverhalten, Vermeidung sozialer und leistungsbezogener Situationen, zwanghaftes Sicherungs- und Ordnungsbestreben.
• Phase 3: chronischer Zustand mit Affektverflachung und allgemeinen Persönlichkeitsabbau.
Spezifische Veränderungen:
Intrahemisphärische Lokalisation: am Bedeutendsten; Läsionen des präfrontalen Cortex führen zu einer Vielfalt von kognitiven und psychischen Störungen, die unter dem Begriff des Frontalhirnsyn-droms subsumiert werden. Läsionen der prämotorischen Gebiete führen zu Beeinträchtigungen eines reibungslosen Bewegungsablaufs bei komplexen Handlungen. Insbesondere sind Glattheit, Ge-schwindigkeit und Koordiniertheit der Bewegungsabläufe betroffen.
Interhemisphärische Lateralisierung: Schädigungen der linken Hemisphäre führen bevorzugt zu Stö-rungen jener Funktionen, die Verständnis und Sprachproduktion sowie die Verwendung sprachlicher Symbole beinhalten. Schädigungen der rechten Hemisphäre äußern sich vorzugsweise in der Beein-trächtigung solcher Leistungen, bei denen visuell-räumliche Fähigkeiten, visukonstruktorische Funk-tionen und andere nicht-sprachliche Wahrnehmungsfunktionen im Vordergrund stehen. In emotio-naler Hinsicht scheint sich eine Tendenz abzuzeichnen, dass Läsionen der linken Hemisphäre häufiger mit dysphorischen Verstimmungszuständen, Depression, Angst und Katastrophenreaktionen einher-gehen; bei Läsionen der rechten Hemisphäre eher zu Zuständen euphorischer Verstimmung kommt.
Subkortikale Lokalisation: Schädigungen subkortikaler Regionen stehen mit emotional-motivationalen Störungen sowie motorischen und kognitiven Störungen im Zusammenhang. Schädi-gungen subkortikaler Regionen gehen generell mit relativ schweren Ausfallerscheinungen und un-günstigen Prognosen einher.
Grad der Umschriebenheit: Hirnschädigungen werden in diffuse und fokale Läsionen eingeteilt. Dif-fuse Schädigungen, die im Rahmen von hypoxischen, infektiösen, toxischen oder traumatischen Stö-rungen auftreten, gehen häufig mit Bewusstseinsstörungen, Desorientiertheit und allgemeiner Be-einträchtigung vieler psychischer Funktionen einher. Fokale Läsionen, die oft im Rahmen von Tumor-erkrankungen, offenen Hirnverletzungen und zerebrovaskulären Störungen auftreten, sind durch Lateralisierungsmerkmale gekennzeichnet; Wachheit und Bewusstsein selten herabgesetzt.
Schwere: Sie hat einen entscheidenden Einfluss auf den Ausprägungsgrad der neuropsychologischen Symptome und Defizite.
Läsionsart: Schädigungen, die auf einem Verlust kortikalen Gewebes basieren bedingen in der Regel weniger schwerwiegende Auswirkungen als Schädigungen, die mit erkranktem oder totem Gewebe einhergehen.
Geschwindigkeit der Manifestation: Plötzlich einsetzende Hirnschädigungen mit anschließendem stationärem Stadium verursachen generell stärkere Funktionsdefizite als langsam fortschreitende Läsionen, die die gleichen Hirnregionen betreffen.
Alter zum Schädigungszeitpunkt: -> bislang nicht ausreichend geklärt. Bzgl. aphasischer Sprachstö-rungen kann eine leichtere Beeinträchtigung bei frühem Schädigungsbeginn bestätigt werden.
9.3.3. Verlauf
• Progressive Hirnschädigungen: z.B. degenerative Hirnerkrankungen, Alkoholintoxikationen und intrakranielle Tumore -> gehen unbehandelt mit einer zunehmenden Verschlechterung der neuropsych. Symptomatik einher, die einen stetigen oder schubweisen Verlauf nimmt.
• Nichtprogressive Hirnschädigungen: -> eine einmalige, abgeschlossene Einwirkung physikali-scher oder chemischer Noxen führen zu den zerebralen Schädigungen und Funktionsstörun-gen. Z.B. Hirntraumen oder zerebrovaskuläre Störungen
9.4. Intervention
- Umweltmodifikation: Umweltbedingungen sollen den funktionalen Defiziten des Patienten angepasst werden.
- Verhaltensmodifikation: Verhaltenstherapeutische Ansätze basieren vorwiegend auf den Prinzipien der operanten Konditionierung und zielen auf Veränderungen in den aggressiven und zerstörerischen, den motivationalen und sozialen Verhaltensbereichen ab.
- Neuropsychologisches Funktionstraining: Hier kommt das Training kognitiver, sprachlicher und motorischer Funktionen zum Einsatz; meist computergestützt (EMG-Biofeedback bei Lähmungserscheinungen)
- Psychotherapie: Bezieht sich in erster Linie auf die sekundären emotionalen Reaktionen; Gruppenpsychotherapie hilft soziale Isolierung zu überwinden.
- Familientherapie: Zerebrale Schädigungen betreffen auch drastisch die familiären Beziehun-gen; dies führt oftmals zum Bruch. Familientherapie zielt auf die Veränderung fehlangepass-ter und pathogener Kommunikations- und Interaktionsmuster im familiären System ab.

10. Psychologie der Lebensspanne
-> Erik Erikson; betonte die lebenslange Entwicklung, begründete die Ich-Psychologie, postulierte eine Ich-Identität und beschrieb sie anhand von 8 psychosozialen Entwicklungsstufen, die jeweils durch eine bestimmte Krise gekennzeichnet sind. Die positive Bewältigung jeder Krise ist ausschlag-gebend dafür, ob und wie das nächste Stadium erlebt und bewältigt wird.
Stadium und Altersspanne Psychosoziale Krise Die wichtigsten Entwicklungsaspekte
Säuglingsalter
(bis 1 Jahr) Vertrauen vs. Misstrauen Das Kind entwickelt innerhalb der Pflegeperson-Säugling-Beziehung ein Gefühl von Vertrauen und Misstrauen darüber, ob Grundbedürfnisse wie Nah-rung, Wärme, Sauberkeit und körperlicher Kontakt befriedigt werden.
Frühe Kindheit
(1-3 Jahre) Autonomie vs. Scham und Zweifel Das Kind lernt Selbstkontrolle als ein Mittel der Selbstständigkeit wie Sauberkeitserziehung, selbst-ständig essen, laufen und Zweifel über seine Fähig-keiten, autonom zu sein.
Kindergartenalter
(3-6 Jahre) Initiative vs. Schuldgefühle Das Kind möchte gerne Handlungen Erwachsener erkunden, jedoch fühlt es sich auch schuldig, wenn es versucht, mutig und unabhängig zu sein.
Schulalter
(7-11 Jahre) Wertsinn vs. Minderwertig-keit Das Kind lernt anhand von Vorstellungen und Neu-gierde, entwickelt ausgeprägte Lernfähigkeiten, aber auch Gefühle von Minderwertigkeit kommen auf, wenn das Kind versagt.
Adoleszenz
(12-20 Jahre) Identität vs. Rollendiffusi-on Die Jugendlichen versuchen herauszubekommen, wer sie sind, wie einzigartig sie sind, ob sie eine bedeutende Rolle innerhalb der Gesellschaft inne haben möchten, wie sie sexuelle ,ethnische und berufliche Identitäten festigen können. Gefühle der Rollendiffusion über all diese Entscheidungen kön-nen dabei entstehen.
Frühes Erwachsenenalter
(20-30 Jahre) Intimität vs. Isolation Wunsch nach Freundschaft und Intimität mit einer speziellen Person oder Isolation durch Vermeidung von sozialen Beziehungen.
Mittleres Erwachsenenalter (30-65 Jahre) Generativität vs. Stagnation Bedürfnis nach Produktivität – z.B. Schaffung von bleibenden Werten, Ideen oder eigenen Kindern – oder im Gegensatz dazu Stagnation.
Spätes Erwachsenenalter
(ab 65 Jahren) Ich-Integrität vs. Verzweif-lung In Hinblick auf die eigene Endlichkeit wird auf das Leben zurückgeblickt, Bilanz von Erreichtem und Nicht-Erreichtem.
Alterstypische Probleme über die Lebensspanne:
1.) Frühe Kindheit: Gestörte frühe Sozialbeziehungen, Misshandlung, Vernachlässigung, „Gedeihstörung“, Autismus
2.) Kindheit: Elektiver Mutismus, Hyperaktivität, Schulphobie, Schulverweigerung
3.) Jugendalter: Jugend als Problemzeit, Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Adipositas
4.) Erwachsenenalter: Konstante Partnerbeziehung, Elternschaft ,Entwicklungskrisen des mittleren Lebensalters
5.) Hohes Alter: Beeinträchtigung noopsychischer Funktionen, Abbau intellektueller Kompetenz, Affektive Labilität, Versetzung in eine andere Umgebung (Einsamkeit)
Lt. DSM-IV und ICD-10 existieren im Kindes- und Jugendalter folgende Verhaltensstörungen:
1. Störungen der Aufmerksamkeit, der Aktivität und des Sozialverhaltens
2. Fütter- und Essstörungen im Säuglings- oder Kleinkindalter
3. Störungen der Ausscheidung
4. Ticstörungen
5. Andere Störungen im Kleinkindalter, in der Kindheit oder Adoleszenz
6. Nicht kindheitsspezifische Angststörungen
10.1. Epidemiologie
Lt. der prospektiven Längsschnittstudie von Esser et. al. (1992) weisen 16-18% der 8-18-Jährigen psy-chische Störungen auf. Ein Viertel davon wäre dringend behandlungsbedürftig. Kusch und Petermann (1991) sowie Essau und Petermann (1998) weisen darauf hin, dass 70% der Kinder mit autistischen Störungen zusätzlich behindert sind und dass ein Drittel davon im Jugendalter Epilepsien zeigt. 36% der ängstlichen Kinder weisen mindestens zwei verschiedene Angststörungen auf. 15% davon sind zudem depressiv.
10.2. Gerontopsychologie
10.2.1. Demographie und Epidemiologie
- 4% der über 65jährigen Menschen sind in Heimen und Pflegeinstitutionen untergebracht, werden jedoch alle jene Personen hinzugerechnet, die sich zweitweise in Krankhäusern und Pflegeeinrichtungen befinden, steigt diese Zahl auf annähernd 20% -> d.h. 80% der über 65jährigen leben zu Hause und können dort versorgt werden.
- Der Anteil der unselbstständigen Menschen steigt mit zunehmendem Lebensalter von 1,8% bei 60-69 Jährigen auf 19% bei 80-89 Jährigen
- Der Anteil psychisch Kranker über 65 Jahre beträgt ca. 25%
- Das Phänomen der „ergrauten Welt“ ist hauptsächlich durch die rasante Weiterentwicklung der Medizin und dem drastischen Rückgang der Geburtenrate bedingt. Es kommt zur Ver-schiebung der Alterspyramide, welche heute eine pilzartige Form darstellt.
10.2.2. Differentiertes Altern kognitiver Funktionen
- Heute geht man nicht mehr von einem Defizitmodell des Alterns aus, sondern legt eine Diffe-renzierung der kognitiven Funktionen im Sinne eines „Speed/Power“-Modells nahe:
1. Speed- (flüssige) Leistungen gelten dabei als zum Teil genetisch bedingte inhalts-übergreifende kognitive Grundfunktionen, die eine flexible Informationsverarbeitung ermöglich. Sie repräsentieren die allgemeine kognitive Leistungsgeschwindigkeit, die einem alterskorrelierten Abbau unterliegt.
2. Power- (kristallisierte) Leistungen stellen intellektuelle Funktionen wie Sprachwissen und soziale Intelligenz dar, die stark bildungs- und milieuabhängig sind. Diese sind bis ins hohe Lebensalter durch Training steigerbar und nur in geringem Ausmaß einem altersbedingten Abbau unterlegen (Kristalline Intelligenz).
10.2.3. Theorien des erfolgreichen Alterns
Havighurst (1963): Erfolgreiches Altern zeichnet sich durch einen inneren Zustand der Zufriedenheit und des Glücks aus. Er sieht es als eine gelungene Anpassung an den Altersprozess an, wobei es sich um ein subjektives Kriterium handelt, das dem älteren Menschen auch Kompetenzen zuspricht.
Aktivitätstheorie von Tartler (1961): Geht von der Annahme aus, dass nur der Mensch glücklich ist, der aktiv ist, etwas leisten kann und von anderen gebraucht wird. Der ältere Mensch muss versu-chen, eine Kontinuität des aktiven Lebensstils beizubehalten und Ersatzaktivitäten zu finden. Diese Kontinuität wirkt sich positiv auf das Selbstbild aus, welches als wichtigste Voraussetzung für die Lebenszufriedenheit gilt. Hauptkritikpunkte: Vielen älteren Menschen stehen befriedigende Kontakte erst gar nicht zur Verfügung.
Disengagementtheorie von Cumming & Henry (1961): Sehr provokative Annahme, dass sich ältere Menschen eine soziale Isolierung und eine Reduzierung der bestehenden sozialen Kontakte wün-schen und sich gerade dadurch glücklich und zufrieden fühlen. Disengagement bedeute Freiheit, weil Kontakte zu anderen immer sozialen Zwängen und Normen unterworfen sind. Kritik: Lebenssituation der älteren Menschen in den 1950er Jahren viel schlechter als heute
SOK-Modell von Baltes & Baltes (1989): Ihrer Meinung nach muss man auch objektive Kriterien er-heben, da die subjektiven alleine oft trügerisch sind. Methode besteht darin, Tests zur Messung ko-gnitiver Fähigkeiten einzusetzen, die mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad bis zum Erreichen der individuellen Grenze versehen sind. Ihrer Meinung nach gehen die Menschen mit zunehmenden Al-ter nach einem bestimmten Schema vor, dem sogenannten SOK-Modell: Selektion-Optimierung-Kompensation (Bsp. Pianist Rubinstein):
- Selektion: Man wählt solche Betätigungen aus, die für eine Harmonisierung von Umweltan-forderungen, Fertigkeiten, persönlichen Motiven und biologische Leistungen dienlich sind -> zunehmende Spezialisierung -> Leistungsfähigkeit wird in diesem Bereich verbessert
- Optimierung: charakterisiert die Ressourcen, die Mittel, die das Erreichen von Entwicklungs-zielen oder Entwicklungsresultaten ermöglichen.
- Kompensationsprozesse: bezeichnen eine adaptive Reaktion auf den Verlust von Mitteln (Ressourcen), die dazu dient, den Funktionsstand aufrechtzuerhalten.
Hauptkritik: es zeichnet sich ein negatives Altersbild ab.
10.3. Aufgabenbereiche in der Geriatrie
-> „Förderung der Selbsthilfe im Alter“
1. Selbstständigkeit und Gestaltung der Umwelt: Ausstattung mit geeigneten technischen Hilfsmitteln, ev. psychologische Unterstützung, damit diese Hilfsmittel auch angenommen werden, oder auch Anleitung zum Gebrauch
2. Stützung der Selbstständigkeit durch Training kognitiver Funktionen: kontinuierliches Trai-ning; ausschlaggebend ist die „Kapazitätsreserve“ -> jenes Leistungspotential, das unter op-timierenden Bedingungen aktiviert werden kann.
3. Förderung der Selbsthilfe durch die Umgebung: Annahme von Hilfe ist nicht immer mit be-nötigter Hilfe gleichzusetzen -> „gelernte Abhängigkeit“
10.3.1. Diagnostik
- Beschr. von Alterungsproz. im Hinblick auf die kogn. Leistungsfähigkeit und Befindlichkeit
- Beurteilung von Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit
- Aussagen über Effizienz von Therapiemaßnahmen, Bereitstellung von diagnostischen Infor-mationen über den Verlauf
- Abgrenzung von normalen und pathologischen Alterungsprozessen
- Differentialdiagnostik verschiedener psychischer Krankheitsbilder
10.3.2. Trainingsmethoden
- Computergestütztes Training: Eignet sich hauptsächlich für Personen, die mit dem Umgang dieses Mediums vertraut sind. Werden vorwiegend als Diagnostikinstrument eingesetzt, wo-bei auf die meist fehlende Erfüllung der Testgütekriterien und Normen hinzuweisen ist.
- Neuropsycholog. Training: Ursprung in der neuropsycholog. Rehabilitation, Bsp. Neurotrai-ning nach Schweizer, neuropsycholog. Hirnleistungstraining von Holzapfl oder das Gehirnjog-ging. Alle Programme beinhalten lerntheoretisch orientierte Strategien wie Ressourcenorien-tierung, Verstärkung, stufenweiser Aufbau in kleinen Schritten, sowie Selbstverstärkung.
- Realitätsorientierungstraining – ROT: für Patienten mit schweren kognitiven Störungen kon-zipiert -> Verbesserung von Orientierung und Gedächtnis, die Erhaltung der persönlichen Identität, Unterstützung sozialer Interaktionen. 3 Hauptkomponenten: Training der Angehö-rigen, 24-Stunden-ROT, strukturelle Sitzungen.
- Gesunde „junge Alte“ („aging well“): Personen, die keine Beeinträchtigungen aufweisen und am meisten von kognitiven Interventionsprogr. im Sinne von Präventivmaßn. profitieren.
- Junge beeinträchtigte Alte: Patienten weisen ein sogen. MCI (mild cognitive impairment) auf, im Alltag relativ gut erhaltene Funktionsbereiche; es kann mit hoher Eigenmotivation ge-rechnet werden.
- „alte Alte“: Arbeiten an der Steigerung einzelner Leistungen, insbesondere der Gedächtnis-funktion, oder aber als sehr breit gefächerte und komplexe Therapieprogramme.
- Das vierte Lebensalter: Bei Patienten mit schweren und schwersten kognitiven Störungen kommt es meist zu einem vollständigen Verlust des Kurzzeitgedächtnissen, wobei das Lang-zeitgedächtnis oft nur noch rudimentär vorhanden ist. Bei diesen Personen mit schwerster Demenz wird der Aspekt der emotionalen Geborgenheit vorrangiges Ziel.
10.3.3. Pflege und Betreuung
Angehörige: Die Pflege wird zu 83% von Frauen geleistet, bereits die Hälfte der pflegenden Angehö-rigen ist selbst älter als 65 J.; etwa 50% dieser pflegenden Angehörigen leiden selbst an Krankheiten.
Pflegepersonal: Ein Großteil von in der stationären Altenpflege tätigen Betreuerinnen und Betreuer ist gefährdet ein Burnout-Syndrom zu entwickeln oder leidet bereits unter einer Burnout-Symptomatik.

11. Psychische Reaktionen bei somatischen Erkrankungen
Klinische Psychologie beschäftigt sich mit:
- Psychischen Störungen
- Psychischen Aspekten körperlicher Störungen oder Krankheiten
- Psychischen Krisen, die durch besondere Lebensumstände ausgelöst werden
„Panoramawechsel des Krankheitsspektrums“: Verschiebung der vorherrschenden Krankheits- und Todesursachen steht im Mittelpunkt: Das Spektrum der Erkrankungen verschob sich im 20. Jhdt. Dra-stisch von den Infektionskrankheiten in Richtung chronisch-degenerativer Erkrankungen. Rund 70% der gesamten Gesundheitsausgaben entfallen auf chronisch kranke Patienten.
Vielfältige Ursache-Wirkung-Verkettungen des Verhaltens und Erlebens über das ZNS und das Hor-mon- und Immunsystem. Emotionale Prozesse können in die Immuntätigkeit eingreifen. Schmerzbe-wältigungstrainings bei Rheuma-Patienten, die zumindest vorübergehend Änderungen der Krank-heitsaktivität bewirken. Umgekehrt kommt es zu Einbußen der Immunabwehr bei Angehörigen, die durch Langzeitpflege geriatrischer Patienten belastet sind. Geschlechtsdifferenzen: Hormonsystem hat Einfluss darauf, dass Frauen und Männer unterschiedliche Erkrankungen entwickeln und auch auf Behandlungen unterschiedlich ansprechen, bzw. sich Krankheiten unterschiedlich auswirken.
Differenziertere Betrachtung von Krankheitsprozessen: Wenn auch biologisch-medizinische und psychologische Determinanten eine unauflösliche Einheit bilden, können für die Entstehung, Auf-rechterhaltung und Bewältigung von Krankheitsprozessen doch unterschiedliche Prozesse ausschlag-gebend sein:
- Traumatische Erlebnisse oder kritische Lebensereignisse können die Entwicklung von Störun-gen in Gang setzen oder begünstigen.
- Umgebungs- oder soziale Bedingungen werden für die Persistenz von Krankheitsprozessen verantwortlich gemacht.
- Situations- und Persönlichkeitsfaktoren haben eine Bedeutung für den Umgang mit Behinde-rungen und Beeinträchtigungen
Im Rahmen psychologischer Interventionen zur Behandlung von Störungen und Krankheiten werden immer häufiger bewältigungsorientierte Ansätze erklärungsorientierten gegenübergestellt.
„Krankheitsverhalten“: Bezieht sich nicht nur auf den psychopathologischen Bereich, sondern gene-rell auf alle Krankheitszustände. Man versteht darunter die Art und Weise, in der Individuen Sym-ptome unterschiedlich wahrnehmen, bewerten und auf diese reagieren. Mit zunehmender Chronizi-tät einer Erkrankung wird das Krankheitsverhalten immer wichtiger, weil auch der Zusammenhang zwischen Befund und Befinden schwindet. „Abnormes Krankheitsverhalten“ meint in diesem Zusam-menhang den psychopathologischen Bereich; „unangemessenes Krankheitsverhalten“ -> wenn sich eine Diskrepanz zwischen somatischem Befund und subjektivem Befinden bzw. Verhalten nachwei-sen lässt. („disease“ -> somatischer Aspekt; „illness“ -> subjektive Komponente)
11.1. Life-Event Forschung
1.) Bei der retrospektiven Beurteilung stuft die Person rückwirkend die Bedeutung möglicher Le-bensereignisse ein. Nachteil: falsche Ursachenzuschreibungen können vorgenommen werden.
2.) Beim prospektiven Ansatz werden Lebensereignisse identifiziert und festgehalten und in der Fol-ge untersucht, wie die Entwicklung der Personen im Weiteren aussieht; ob vermehrt Erkrankungen auftreten und wenn ja welche. Nachteil: eine sehr große Anzahl von Personen notwendig, um rele-vante Aussagen treffen zu können
-> deshalb häufig ein kombinierter Beobachtungsansatz
Auch positive kritische Lebensereignisse (Heirat, Geburt eines Kindes) müssen berücksichtigt werden.
Daily hassles: Alltägliche kleine Ärgernisse, die psychisch vulnerabel machen können (z.B.: morgend-liche Stau im Verkehr, vom Partner verstreute Krümel)
11.2. Coping
-> Bewältigung: Beschreibt die Art, wie eine Person mit einem Lebensereignis umgeht, welche Bewäl-tigungsstrategien sie entwickelt, und ob sie diese einsetzen oder nur denken und nicht ausführen kann. Coping ist die Gesamtheit der Prozesse, um bestehende oder erwartete Belastungen emotio-nal, kognitiv oder aktional aufzufangen, auszugleichen oder zu meistern. -> 5 Hauptaufgaben:
1.) Der Einfluss schädigender Umweltbedingungen soll reduziert und die Aussicht auf Erholung verbessert werden.
2.) Negative Ereignisse oder Umstände sollen toleriert bzw. der Organismus soll an sie angepasst werden.
3.) Ein positives Selbstbild soll aufrechterhalten werden.
4.) Das emotionale Gleichgewicht muss gesichert sein.
5.) Befriedigende Beziehungen mit anderen Personen sollen fortgesetzt werden.
Die Stressbewältigung (emotionsbezogenes und problembezogenes Coping) beinhaltet 4 Bewälti-gungsarten:
1.) Informationssuche
2.) Direktes Handeln
3.) Unterlassen von Handlungen
4.) Intrapsychisches Bewältigen
Bewältigungsstrategien können sich u.a. durch aggressive Konfrontation, Problemlösen, Distanzie-ren, Selbstkontrolle, Vermeidung, Neuinterpretation usw. äußern.
11.3. Soziales Netzwerk
-> ist die Gesamtheit an sozialen Beziehungen zwischen einer definierten Menge an Personen, Rollen oder Organisationen. Sie definieren sich durch soziale Integration (Einbettung in eine soziales Netz-werk) und soziale Unterstützung (setzt sich aus der wahrgenommenen und der erhaltenen sozialen Unterstützung zusammen).
Main-Effekt: Allgemeine soziale Einbettung in einem sozialen Netzwerk.
Puffer-Effekt: Effekt des Netzwerkes in einer Krisensituation.
11.4. Compliance
-> Einhalten von Maßnahmen (Therapievorschlägen, Diäten, etc.), Untersuchungsterminen, Maß-nahmen zur Änderung des Lebensstils, Einnahme von Medikamenten…
Direkte Compliance: umfasst dass Einhalten von Vorschlägen und Regeln entsprechend vorgegebe-ner Vorschriften oder Maßnahmen.
Interaktives Modell: gemeinsam erarbeitete Strategien zur Bewältigung.
Es zeigt sich, dass tatsächlich nur rund ein Drittel der Bevölkerung Verordnungen einhält (ist von gro-ßer volkswirtschaftlicher Bedeutung!).
11.5. Subjektive Theorien für Gesundheit und Krankheit
Es bedarf der Notwendigkeit, im Patienten Verständnis für die Bereitschaft zu wecken, das auszufüh-ren, was der Experte für richtig hält.
Health beliefs: Grundsätze bzw. Grundannahmen, die ein Mensch darüber hat, wie seine Krankheit entstanden ist, wie sie behandelt werden kann bzw. wie seine Gesundheit aufrechtzuerhalten, Krankheiten zu beseitigen oder deren Verlauf zu beeinflussen ist.
Subjektive Theorien für Gesundheit und Krankheit –(Schwarzer, 1997):
- Health Belief Modell nach Becker (1974)
- Salutogenese nach Antonovsky (1987)
- Kontrollüberzeugungen nach Rotter (1966)
- Selbstwirksamkeitserwartungen (self efficacy) nach Bandura (1992)
- Konzept der H
- Hardiness nach Kobasa (1979)
Facetten der mentalen Repräsentationen von Krankheiten:
- Assoziative Verknüpfungen von Symptomen mit einem „Etikett“
- Annahmen über die Krankheitsursache
- Erwartungen bzgl. ihrer Folgen
- Annahmen über ihre zeitliche Erstreckung
- Annahmen über ihre Kurabilität
11.5.1. Salutogenese
-> geprägt von Antonovsky; fasst jene Überlegungen zusammen, die sich damit beschäftigen, warum eine Person, die denselben Stressoren und denselben Bedingungen mikrobiologischer oder ökologi-scher Art ausgesetzt ist wie eine erkrankte Person, eine bestimmte Krankheit nicht entwickelt.
11.6. Psychologische Interventionen bei somatisch erkrankten Personen
11.6.1. Elemente psychologischer Behandlung zur Erhaltung der Lebensqualität
- Information und konkrete Hilfsmaßnahmen
- Erfassung von Ressourcen und Barrieren
- Förderung von Bewältigungs- und Belastungsfähigkeit
- Hilfe zur Selbsthilfe
- Aufbau eines sozialen Netzwerkes
- Emotionale Unterstützung und Antizipationstraining
- Erhöhung der Compliance
- Förderung der Motivation
- Einbeziehen subjektiver Krankheitstheorien und Gesundheitsvorstellungen
11.7. Prävention
-> gewinnt in der klinischen Psychologie immer mehr an Bedeutung; psychische und somatische Stö-rungen sollen verhütet oder zumindest auf ein Minimum reduziert werden.