Differentielle Psychologie 1:Einführung

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Aufgabenstellung

  • Art- und Ausmass individueller Unterschiede
  • Wechselbeziehungen zw. ps. Merkmalen
  • Ursachen individueller ps. Differenzen
  • Manifestation der Differenzen


Hauptfragestellungen (Stern)

  • Variationsforschung - ein Merkmal an vielen Personen (Zwillingsforschung)
  • Korrelationsforschung - mehr Merkmale an vielen Personen (Intelligenzforschung)
  • Psychographie - mehr Merkmale einer Person untersucht (Persönlichkeitsprofil)
  • Komparationsforschung - zwei oder mehr Personen werden in Bezug auf mehrere Merkmale untersucht (Typisierungsverfahren, Cross-Cultural-Psychologie)


Cattel (1957)

  • Person & Merkmal (in Situation) - Q, R
  • Person & Situation (hins. Merkmal) - S, T
  • Merkmal & Situation (einer Person) - O, P


Differentiell-psychologische Methodenentwicklung

  • enge Beziehung zur Psychologischen Diagnostik
  • neue Erhebungsmethoden
  • Modelle / Methoden zur psychometrischen Qualitätskontrolle

3DW (Gittler, 1990)

  • Eindimensionalität - misst für alle Personen diesselbe latente Fähigkeit
  • Überwindet Ausgangswert-Abhängigkeit
  • Würfel mit je 6 verschiedenen Mustern, 3 davon sichtbar, Vorgabe in veränderter Lage zu vergleichen mit 6 Antwortwürfeln A-F


Variablen und Variablenwerte

  • Variablenwerte (Merkmalswerte) charakterisieren Personen
  • Variablen Populationen


operationale/analytische Begriffsdefinition

  • operationale Definitionen
    Standardisierung durch Angabe welche Operationen zur Erfassung des durch den Begriff bezeichneten Sachverhalts notwendig sind oder
    durch Angabe von Indikatoren (Ergebnisse zeigen Vorliegen des Sachverhalts an)
  • analytische Definitionen
    machen Untersuchungsgegenstand transparent
    Überbrückungsproblem: theoretische Konstruke mit empirisch messbaren Variablen verbinden

Traits

Quantifizierbare, psychische Merkmale, die transsituativ stabil sind

Bridgman (1927) fordert genaue Beschreibungen von wissenschaftlichen Begriffen und Operationen

  1. Beschreibung (individuelle Unterschiede)
  2. Generalität (Situationsabhängigkeit)
  3. Stabilität (Variation der Traits über die Zeit)
  4. Ursache (z.B. Anlage - Umwelt Problematik)
  5. Wechselseitige Abhängigkeit (aggressiv - durchsetzungsfähig)
  6. Trainierbarkeit (Änderbarkeit: wie in welchem Ausmaß)

Aspekte der Persönlichkeit, wenn Eigenschaften mittelfristig stabil (Fröhlichkeit instabil)


Forschungsansätze

Komparationsforschung - Typologischer Ansatz

  • Personen nach Merkmalen gruppieren
  • früher fehlten Methoden, heute gibts statistische Typisierungsverfahren (Cluster Analyse, Latent Class Analyse)
  • Hippocrates gruppierte nach Körpersäften: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker
  • Definition (Stern): Typus ist vorwaltende Disposition, die einer Gruppe von Menschen gleicher Art zukommt


Korrelationsforschung - Trait Modell

Eysenck (1965):

  • Faktorenanalyse nach individueller Messung → Introversion/Extraversion / emotionale Stabilität/Labilität
  • innerer Kreis: cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch, melancholisch
  • äusserer Kreis: labil, stabil, introvertiert, extravertiert
  • Dimensionen beliebig fein abstufbar


Allgemeine vs. Differentielle Psychologie

Lange Zeit gegensätzlich... Eigentlich ergänzen sie sich - differentielle Erklärungen für relevante Abweichungen von allgemeinpsychologischen Gesetzmässigkeiten

Allgemeine

  • nomothetische Zielsetzung
  • Gesetzmässigkeiten, die alle Individuen gemeinsam haben (durchschnittlich abstrakte Person)
  • individuelle Unterschiede als Messfehler interpretiert

Differentielle

  • idiographische Zielsetzung
  • Querschnitt: Unterschiede zwischen Personen zu bestimmten Zeitpunkt
  • Längsschnitt: Unterschiede innerhalb einer Person zu mehreren Zeitpunkten
  • intraindividuell: Erleben und Verhalten einer Person
  • interindividuell: zwischen Personen und -gruppen

Sandersches Parallelogramm

Paralellogramm mit unterschiedlich langen Linien L & R, die täuschen

  • Allgemeinpsychologisch: Phänomen universell erklären, Länge hat Einfluss auf Täuschbarkeit, Individuelle Unterschiede sind Messfehler
  • Differentialpsychologisch: der Täuschungs%satz bei Weißen höher als bei Schwarzen 


Historische Grundlagen

Anfänge der Psychologischen Testung in China

  • 2200 v.: In China Fitnesstests der Regierungsmitarbeiter
  • 1115 v.: Kanditaten (Staatsamt) in 6 Basiskünsten (Musik, Bogenschiessen, Reiten, Schreiben, Rechnen, Riten-Wissen)
  • 14. Jhd: endgültige Form: letzte Testung 1905: 3 Prüfungen im Jahresabstand, 24 h isolierte Einzelzelle, 1 Gedicht, 2 Essays, Beurteilung Durchfallsquote 93-97%
  • Grundannahme: Jeder Mensch kann nach bestimmten Traits unterschieden werden, welche stabil sind und generalisiert werden können.

Biologische Wurzeln

Darwin

  • widerspricht Aristoteles, der meint, dass Art wesentliche Merkmale des Individuums ausmacht
  • Individuelle Differenzen sind Vorraussetzung für Selektion und Evolution
  • Merz: Variationsvielfalt im Phänotyp heisst, dass immer einige schon auf neue Situation vorbereitet sind - je homogener eine Gruppe desto gefährdeter

Mendel

  • Kreuzungsversuche mit Erbsen
  • Eigenart des Individuums hängt von Kombination der Erbanlagen ab

Galton

  • Brilliantester Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts
  • Begründer der Untersuchung individueller Differenzen
  • Zwillingsmethode (Erb- und Umweltfaktoren entschlüsseln)
  • Stammbaummethode (Ballung von Begabungen in Familien aufzeigen)
  • Index of Correlation (von Pearson zum Korrelationskoeffizienten weiterentwickelt)
  • Begriffseinführung: Test, testete als erster Intelligenz
  • Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen als Intelligenzgrundlage ► Cattel führt weiter → Sackgassen, niedriges r
  • Spearman führt weiter entwickelt die 2 Faktoren Theorie

Stern als Begründer der Differentiellen Psychologie

  • Über die Psychologie der Individuellen Differenzen (1900) wegweisende Monographie
  • Forschung systematisch entwickeln, mittels Experimenten untersuchen
  • legte 1911 Grundlage für DiffPsy mit Die Differentielle Psychologie in ihren methodischen Grundlagen
  • nomothetische und ideographische Betrachtung seelischer Vorgänge
  • Erfinder des IQ
  • betont methodisch-statistische Fundierung
  • Hauptziele: Psychognostik: Menschenkenntniss  / Psychotechnik: Menschenbehandlung


Entwicklung individueller Testskalen

Binet's Beitrag

  • erste kognitiv orientierte Intelligenzsskala (gemeinsam mit Simon 1905)
    Art der Bewältigung einer aktuellen Situation - gut urteilen, gut verstehen, gut handeln
  • Eichung an 50 gesunden und 30 behinderten Kindern
  • Aufgaben mit steigender Schwierigkeit
  • Items: Gedächtnis, Vorstellungskraft, Aufmerksamkeit, Verständnis, Willensstärke, motorische Fähigkeiten, moralische Haltungen
  • Konstruktion alterssensitiver Aufgaben (Items, die von 50-75% d. Altergruppe gelöst werden):
    • 5 Items pro Stufe (3-15 Jahre)
    • Intelligenzalter bestimmen
       • alle Aufgaben gelöst → Grundalter
       • Zusätzliche Lösungen jeweils 1/5 Alterszuwachs
       • Differenz zwischen IA - LA ergibt Entwicklungsstand des Kindes
  • Kritik:
    • Eichung (Oberschicht war intelligenter)
    • zu verbal
    • nicht objektiv (Testleiterbewertung)
    • keine trennscharfen Aufgaben für ältere Kinder
    • Intelligenzzuwachs ist nicht linear (rasch, dann langsamer)
    • Gleiche Differenzen bedeuten verschiedenes (abhängig vom Alter)
  • Stern IQ = (IA/LA)*100
    sollte Konstanz der Interpretierbarkeit gewährtleistenrasch populär
  • Scheitelpunkt bei ca. 20-25 Jahren


Wechsler IQ

  • für alle Altersgruppen einsetzbar
  • Intelligenmaß = Abweichungs-IQ = 100 + 15 * (x - M) / s
    M=100 s=15 normiert
  • IQ ist Standardwert. Da IQ von vielen Faktoren abhängig folgt aus zentralem Grenzwertsatz, dass IQ annähernd normalverteilt ist.


Kritik am IQ Konzept

  • grobes globales Intelligenzmaß
  • für diagnostische Fragestellung nicht ausreichend
  • Kompensationsmöglichkeit von schlechten Subtestleistungen
  • Eindimensional betrachtet

Faktorenanalyse als Skalenkonstruktionsmethode

  • Informationsverdichtung
  • Ziel: aus Variablensatz Grunddimensionen ermitteln
  • Ausgangspkt: standardisierte Variablen und Interkorrelationen
  • Methode:
  • Versuch, Zusammenhänge auf wenige gemeinsame Faktoren zurückzuführen
  • Varianzanteile bestimmen, die durch gemeinsame Faktoren erklärt werden

Vorraussetzungen

  • metrische Daten, min. Intervallskala
  • mehrkategorial → nicht dichotom (Bias)
  • Normalverteilung der einzelnen Variablen

Regeln zur Beschränkung der Faktorenanzahl

  • Eigenwertkriterium: Faktoren, deren Eigenwert (wieviel Varianz erklärt Faktor) > 1 ist werden extrahiert, viele Faktoren wegen Standardisierung.
  • Scree-Test (Cattell): Scree-Plot, gesucht wird Stelle mit Anstieg - Knick, Zahl der Faktoren vor Knick wird zugrunde gelegt


Rotationsarten

  • Orthogonale Rotation (rechtwinklig)
    Gewinnung unabhängiger Faktoren, mit wenig hohen Ladungen (z.B. Primärfaktoren Thurstone)


  • Oblique Rotation (schiefwinklig)
    Gewinnung abhängiger, inhaltlich sinnvoller Faktoren (z.B. 16 Persönlichkeitfaktoren Cattells)
    kann mehrmals faktorisiert werden, dadurch entstehen hierarchische Modelle (Itheorie von Horn & Cattell)


Durchführungsarten

  • Exploratorisch: Faktorenstruktur wird erkundet, deskriptivstatistisch


  • Konfirmatorisch: a priori festgelegte Faktorenstruktur wird auf Verträglichkeit mit empirischen Beobachtungen überprüft, hypothesengeleitet, inferenzstatistisch


Nachteile

  • Stichprobenabhängigkeit
    (homogene S. - viele Faktoren, geringe Ladung / heterogene umgekehrt)
  • Faktorenextraktion, -interpretation geschieht eher willkürlich
  • Interpretationsuneindeutigkeit: vom Interpretierenden abhängig
  • Variableneinbezug: Messen einzelne Items vielleicht  mehrdimensional